Der Unabomber hatte fast recht

Oder wenn aus Werkzeug Infrastruktur wird
Peter Fischer
Peter Fischer
Der Unabomber hatte fast recht
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Ich bin auf diesen Gedanken, zugegeben etwas zufällig, weder auf einer KI-Konferenz noch bei einem Strategiemeeting und schon gar nicht in einem jener mittlerweile inflationär gewordenen Panels gekommen, bei denen uns erklärt wird, welche Berufe künstliche Intelligenz demnächst abschaffen wird, sondern abends vor dem Fernseher bei einer Dokumentation über Theodore Kaczynski, den sogenannten Unabomber, hochbegabter Mathematiker, später Terrorist und Mörder und damit zunächst einmal jemand, bei dem man eher nicht vermuten würde, dass ausgerechnet von ihm eine interessante Frage zur technologischen Zukunft hängenbleibt.

Hängen geblieben ist bei mir nicht die Frage nach Schuld oder Unschuld – die Morde und der Terror sind ja Fakt –, sondern vielmehr die Frage, was passiert, wenn Technologie irgendwann aufhört, bloß Werkzeug zu sein, und beginnt, ein System um sich herum zu bauen, das unsere Prozesse, unser Verhalten und irgendwann auch unsere Entscheidungen so weit verändert, dass wir theoretisch zwar weiterhin die Freiheit besitzen, nicht daran teilzunehmen, praktisch aber zunehmend feststellen müssen, dass diese Freiheit ökonomisch ziemlich teuer geworden ist.

Kaczynskis Antwort darauf war bekanntlich radikal, menschenverachtend und einfach falsch, aber die Frage, die dahintersteckt, die ist es eben nicht zwingend. Freilich muss man Person, Analyse und Konsequenz voneinander trennen, weil man sonst in jene intellektuell ziemlich bequeme Falle tappt, in der wir einen Gedanken allein deshalb verwerfen, weil uns sein Absender moralisch untragbar ist. Und so blieb mir die Frage, ob tatsächlich jede seiner Beobachtungen über technologische Abhängigkeit falsch ist oder eben ziemlich exakt in unsere Zeit passt.

Nota bene, ganz originär war dieser Gedanke bei Kaczynski ohnehin nicht. Der französische Soziologe und Technikphilosoph Jacques Ellul hatte Jahrzehnte zuvor bereits beschrieben, wie aus einzelnen technischen Verfahren irgendwann ein zusammenhängendes System entstehen kann, in dem Effizienz nicht mehr bloß Mittel zum Zweck ist, sondern selbst zum bestimmenden Prinzip wird.

Kaczynski hat diesen Gedanken aufgegriffen, zugespitzt und zu einem technologischen Determinismus weitergedacht, in dem mehr Technik zwangsläufig mehr System und mehr System wiederum weniger menschliche Autonomie und Freiheit bedeuten muss. Dass Technologie solche Abhängigkeiten schaffen kann, ist schwer zu bestreiten, dass sie zwangsläufig dort enden muss, sehr wohl.

Und somit sind wir bei des Pudels Kern – der künstlichen Intelligenz, weil der Übergang von der freiwilligen Nutzung zur faktischen Notwendigkeit eben nicht dann beginnt, wenn uns jemand zur Anwendung zwingt, sondern dort, wo ein technologischer Vorsprung zum Wettbewerbsfaktor wird.

Kein Unternehmen muss KI einsetzen, wenn aber der Mitbewerber mit derselben Mannschaft schneller, billiger und vielleicht sogar besser arbeitet, stellt sich der Wettbewerbsnachteil von selbst ein. Aus einer Option wird so ziemlich rasch ein Standard und aus dem Standard irgendwann eine Voraussetzung, der man sich theoretisch noch entziehen kann, ökonomisch aber immer weniger.

Das ist auch der stärkste Punkt an Kaczynskis Argumentation, denn nicht die Technik zwingt uns zuerst, sondern Wettbewerb, Effizienz und irgendwann schlicht die wirtschaftliche Realität. Aus rationalen Einzelentscheidungen entsteht Stück für Stück eine neue Normalität, die niemand zentral beschlossen hat und der man sich am Ende trotzdem nur noch schwer entziehen kann. Das ist, wenn man so will, weniger Science-Fiction als klassische Ökonomie – und vermutlich gerade deshalb wesentlich unangenehmer.

Hier begab ich mich dann auf eine kleine wirtschaftshistorische Gedankenreise und bin bei einer anderen Maschine gelandet, die unsere Welt ebenfalls fundamental verändert hat, ohne dass ihre eigentliche Wirkung am Anfang auch nur annähernd absehbar gewesen wäre – bei der Dampfmaschine.

Sie war zunächst auch nicht als „die industrielle Revolution“ gedacht, sondern schlicht als technische Verbesserung, die Arbeit effizienter machen und damit freilich Produktivität und Ertrag erhöhen sollte. Erst mit der Zeit wurde daraus eine Basistechnologie, die Produktionsprozesse, Kapitalbedarf, Standorte, Arbeitsorganisation und letztlich ganze Kulturen veränderte. Also war auch die Dampfmaschine zuerst nur Werkzeug, die eigentliche Revolution entstand erst aus dem, was der Mensch wirtschaftlich, organisatorisch und gesellschaftlich darum herum gebaut hat.

Und hoppla, da war sie, die Analogie, weil die Dampfmaschine eben nicht nur effizientere Produktion ermöglicht hat, sondern mit der Zeit auch die ökonomische Geografie verändert hat. Solange industrielle Produktion an Wasserkraft gebunden war, mussten Fabriken dort stehen, wo Wasser, Gefälle und Topografie ausreichend Energie lieferten, mit der Dampfkraft konnte Produktion zunehmend dorthin wandern, wo Arbeitskräfte, Absatzmärkte, Kapital und Infrastruktur günstiger waren. Aus technischer Innovation wurde Standortökonomie und daraus irgendwann Stadtentwicklung, Urbanisierung und freilich auch Immobilienwirtschaft.

Noch interessanter wird es mit der Elektrifizierung, weil Paul David hat bereits 1990 darauf hingewiesen, dass sich der große Produktivitätsgewinn nicht sofort eingestellt hat, weil man zunächst nur den Antrieb getauscht und die alten Fabriken weitergedacht hat. Erst als Produktion, Abläufe und Gebäude um die neue Technologie herum neu organisiert wurden, kam der eigentliche Sprung. Der Gewinn lag also nicht nur in der Maschine, sondern im Umbau von Organisation und Gebäude.

Und genau da wird es für uns unangenehm interessant.

Was ist heute unser Transmissionsbau?

Sind es Bürohäuser, deren Flächenprogramme, Erschließungen und Arbeitsplatzlogiken für administrative Tätigkeiten dimensioniert wurden, die es in dieser Form vielleicht bald nicht mehr gibt? Sind es Prozesse, bei denen wir künstliche Intelligenz einfach dazuschalten, obwohl eigentlich der Prozess selbst zur Disposition stehen müsste? Oder ist es die Kombination aus beidem?

Genau diesen Punkt sehen wir im Zusammenhang mit KI noch zu wenig. Wir diskutieren darüber, welche Tätigkeit automatisiert wird, welcher Beruf verschwindet oder wie viele Menschen künftig noch im Büro sitzen. Aber ist nicht die wesentlich interessantere Frage, wie sich durch eine neue Basistechnologie die Organisation von Arbeit, die Standortlogik von Unternehmen und damit am Ende auch die Nachfrage nach Immobilien verändert?

Die derzeit gerne bemühte Gleichung „KI bedeutet weniger Menschen und damit weniger Büro“ ist mir deshalb deutlich zu kurz gegriffen. Immobiliennachfrage ist nun einmal abgeleitete Nachfrage, und kein Unternehmen mietet Bürofläche, weil ihm Quadratmeter emotional besonders nahestehen, sondern weil dort eine wirtschaftliche Tätigkeit stattfinden soll. Wenn diese Tätigkeit durch KI produktiver, dezentraler, stärker automatisiert oder schlicht anders organisiert wird, verändert sich irgendwann auch die Immobilie, nur eben kaum linear und schon gar nicht überall gleich.

Möglich, dass Unternehmen dauerhaft weniger Flächen benötigen. Ebenso möglich ist, dass sie dafür bessere brauchen, vielleicht wird Spitzenlage wichtiger, vielleicht Flexibilität wichtiger als Quadratmeterzahl und vielleicht verschieben sich Standortentscheidungen, weil Energie, Dateninfrastruktur, Rechenleistung und Datensicherheit plötzlich eine andere Gewichtung bekommen. Wir wissen es noch nicht genau, aber das ist ja der Unterschied zwischen Analyse und Prophezeiung.

Der geneigte Leser meiner Ergüsse wird wohl wenig überrascht sein, dass genau Hayek ins Spiel kommt, weil er auf dieselbe Entwicklung vollkommen anders geschaut hätte.

Während Ellul und später Kaczynski vor allem das System und dessen Eigendynamik sehen, hätte Hayek darin wohl Millionen dezentraler Entscheidungen erkannt – von Unternehmen, Arbeitnehmern, Konsumenten und Kapitalgebern, die jeweils versuchen, Informationen besser zu nutzen, produktiver zu werden und ihre eigene Position zu verbessern. Kein Ministerium beschließt, dass künstliche Intelligenz jetzt unsere Wirtschaft transformieren soll, sondern Unternehmen A führt sie ein, Unternehmen B zieht nach, Softwareanbieter integrieren sie, Mitarbeiter lernen damit umzugehen, Kunden gewöhnen sich an Geschwindigkeit und Verfügbarkeit und aus unzähligen Einzelentscheidungen entsteht irgendwann eine Ordnung, die niemand geplant hat.

Und hier, wie aus dem Nichts, ein gepflegter Widerspruch.

Hayek erklärt ziemlich gut, warum sich eine neue Technologie aus dezentralen Entscheidungen heraus durchsetzt, Ellul wiederum, warum daraus irgendwann ein System entstehen kann, dem man sich nur mehr mit erheblichen Kosten entzieht. Der eine sieht spontane Ordnung, der andere technologische Eigendynamik, Kaczynski macht daraus Unausweichlichkeit. Eben darum steige ich hier aus, weil aus einer Tendenz noch lange kein Naturgesetz wird oder werden darf.

Und tatsächlich widerspricht die bisherige Realität Kaczynski ziemlich deutlich, weil künstliche Intelligenz nicht automatisch Autonomie vernichtet, sondern sie eher neu verteilt. Wer Routine abgeben kann und dadurch mehr Zeit für Urteil, Kreativität, Kunden oder schlicht die eigentliche Entscheidung gewinnt, wird unter Umständen autonomer, während jemand, dessen Arbeitsschritte, Geschwindigkeit, Prioritäten und Leistung zunehmend algorithmisch vorgegeben werden, sehr wohl Autonomie verlieren kann.

Und das ist die Krux: Beides passiert gleichzeitig.

Ein Asset Manager, der zwei Tage lang Informationen zusammensuchen musste und sie künftig in wenigen Minuten strukturiert vorliegen hat, gewinnt Entscheidungsspielraum, während ein Mitarbeiter in einem streng getakteten Prozess denselben vielleicht verliert. Die Technologie ist dieselbe, nur die Verteilung der Entscheidungsmacht verändert sich.

Für die Immobilienwirtschaft wird es hier handfest, weil wir zwar begeistert über künstliche Intelligenz diskutieren, unsere Datenbasis aber vielfach noch immer aussieht wie eine kleine Zeitreise durch die letzten zwanzig Jahre. Mietverträge liegen als PDF irgendwo im DMS, Flächenlisten in Excel, technische Dokumentationen auf einem Laufwerk, Verbrauchsdaten in einem anderen System, CapEx-Planungen in Nebenrechnungen und ein beträchtlicher Teil des tatsächlichen Objektwissens im Kopf jenes Mitarbeiters, der „eh schon immer da war“. Eine durchaus ambitionierte Ausgangslage für die große datengetriebene Revolution.

Ist das die eine große Fehleinschätzung der gegenwärtigen KI-Diskussion?

Weil die wichtigste KI-Investition vieler Immobilienunternehmen möglicherweise vorerst gar keine KI ist, sondern etwas viel Profaneres, nämlich Datenqualität, Prozessklarheit, eindeutige Verantwortlichkeiten und die ziemlich banale Frage, welche Information eigentlich wo liegt, wem sie gehört und ob sie überhaupt verlässlich ist. Garbage in bleibt eben Garbage out, nur wird der Unsinn mit künstlicher Intelligenz vermutlich schneller produziert, besser formuliert und damit im Zweifel sogar überzeugender.

Aber jetzt zur Analogie mit der Dampfmaschine oder vielmehr dazu, warum diese eben nicht mehr ganz trägt. Die Dampfmaschine produzierte Kraft, künstliche Intelligenz produziert zunehmend etwas, das man sperrig, aber durchaus treffend, als Urteilssurrogat bezeichnen könnte. Sie schlägt vor, priorisiert, bewertet, vergleicht, erkennt Muster und liefert irgendwann nicht mehr nur Information, sondern eine Entscheidungsvorlage, deren Qualität im Einzelfall besser sein kann als jene des Menschen, der sie am Ende freigibt.

Welcher Kredit erscheint vertretbar, welches Asset sollte zuerst verkauft, saniert oder refinanziert werden, welcher Mieter weist statistisch ein höheres Risiko auf, welcher Standort verspricht den besseren Return und welche Investition ist im gegebenen Datenraum die vernünftigere? Je besser diese Systeme werden, desto größer wird die Versuchung sein, ihrer Empfehlung schlicht zu folgen, weil es ökonomisch irgendwann zunehmend irrational erscheint, das nicht zu tun.

Aber Achtung, hier wird aus gelenkter Unterstützung Delegation und aus der vermeintlichen Weisheit der Maschine im schlechtesten Fall ziemlich profanes Halbwissen.

Die Maschine herrscht nicht, wir übertragen ihr schrittweise Entscheidungsmacht, weil sie schneller, billiger und möglicherweise in manchen Fragen sogar besser ist. Eben darum sollten wir uns weniger fragen, ob KI irgendwann für uns entscheidet, sondern vielmehr, ab welchem Punkt wir verlernen, selbst noch ausreichend gut entscheiden zu können, weil wir uns an ihre Empfehlungen gewöhnt haben.

Spätestens dann sind wir nicht mehr nur bei „Governance of AI“, also bei der Frage, wie wir künstliche Intelligenz regulieren und kontrollieren, sondern bei „Governance by AI“ und somit bei der wesentlich grundsätzlicheren Frage, wie viel unserer Entscheidungsarchitektur wir an Systeme übertragen wollen, die wir zwar benutzen, aber möglicherweise nicht mehr vollständig nachvollziehen.

Hier schließt sich der Kreis wieder zu Kaczynski, weil seine Fehleinschätzung meines Erachtens nicht darin lag, dass technologische Systeme Abhängigkeiten erzeugen können, sondern darin, dass er aus dieser Möglichkeit eine Zwangsläufigkeit gemacht hat. Technologie schafft neue Optionen, daraus entstehen Standards, aus Standards Abhängigkeiten und irgendwann institutionelle Antworten darauf. Arbeitsrecht, Sicherheitsstandards, Datenschutz, Wettbewerbsrecht oder schlicht neue Organisationsformen sind nichts anderes als der Versuch, jene Nebenwirkungen einzuhegen, die neue Technologien mit sich bringen.

Und hier treffen sich wieder Dampfmaschine und KI, weil beide eine Ordnung verändern, bevor wir genau wissen, welche neue Ordnung daraus entsteht. Die Maschine ist zuerst da, die gesellschaftliche, regulatorische und ökonomische Antwort kommt später. Nicht immer elegant, nicht immer rechtzeitig und freilich auch nicht immer besonders klug, aber sie kommt.

Ich habe die Dokumentation über den Unabomber jedenfalls nicht deshalb weitergedacht, weil ich wissen wollte, ob Kaczynski mit seinen Taten recht hatte – das hatte er selbstverständlich nicht –, sondern weil ich verstehen wollte, wie ein hochintelligenter Mensch zu einer derart radikalen Konsequenz kommen konnte und welche Diagnose dahinterstand.

Und dabei wurde mir klar, dass wir vielleicht wieder vor einer Technologie stehen, deren Möglichkeiten wir schneller verstehen als ihre Folgen. Bei der Dampfmaschine haben wir gelernt, die Maschine in unsere Ordnung einzubauen.

Bei KI wird sich zeigen, ob uns das wieder gelingt – oder ob wir irgendwann feststellen, dass wir unsere Ordnung längst um die Maschine herum gebaut haben.

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