Einfacher bauen, leistbarer wohnen

„Gebäudetyp E“: ARGE Eigenheim Niederösterreich holt Erkenntnisse aus München
Lorenz Selinger
Lorenz Selinger
Die Delegation der ARGE Eigenheim Niederösterreich mit Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister und den deutschen Kollegen des VdW Bayern (Verband der deutschen Wohnungswirtschaft).
Die Delegation der ARGE Eigenheim Niederösterreich mit Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister und den deutschen Kollegen des VdW Bayern (Verband der deutschen Wohnungswirtschaft).
© ARGE Eigenheim Niederösterreich

Wie kann Bauen wieder einfacher, effizienter und damit auch leistbarer werden? Dieser Frage ging eine Delegation der ARGE Eigenheim Niederösterreich gemeinsam mit dem Land Niederösterreich unter der Leitung von Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister bei einem zweitägigen Besuch in München nach. Im Mittelpunkt standen die Erfahrungen mit den deutschen Pilotprojekten zum sogenannten „Gebäudetyp E“ – und die Frage, welche Erkenntnisse daraus für Österreich gewonnen werden können. Auch in Niederösterreich ist ein Pilotprojekt zum Gebäudetyp E geplant, um die Möglichkeiten für einfacheres und kostengünstigeres Bauen unter den heimischen Rahmenbedingungen auszuloten.

Organisiert wurde die Reise in Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Wohnungswirtschaft (VdW Bayern). Auf dem Programm standen unter anderem Projektbesichtigungen im Münchner Kreativquartier und im Stadtteil Laim sowie Gespräche im Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr und beim VdW Bayern.

Ähnliche Ausgangslage auf beiden Seiten der Grenze

Die Gespräche zeigten deutlich: Die Herausforderungen sind in Österreich und Deutschland sehr ähnlich. Steigende Baukosten, eine Vielzahl an technischen Standards und hohe Anforderungen an Planung und Errichtung machen den Wohnbau zunehmend komplexer und teurer. Auch bei der rechtlichen Problematik gibt es Parallelen.

So können Bauordnungen zwar bestimmte Standards verbindlich vorgeben. Im Streitfall orientiert sich die zivilrechtliche Beurteilung jedoch vielfach an den „allgemein anerkannten Regeln der Technik“ und damit an technischen Normen. In Deutschland betrifft dies insbesondere die DIN-Normen. Genau an diesem Punkt setzt die Diskussion rund um den Gebäudetyp E an.

Eine entsprechende gesetzliche Regelung auf Bundesebene soll in Deutschland die zivilrechtliche Problematik entschärfen. Der entsprechende Entwurf befindet sich allerdings seit längerer Zeit in der Warteschleife. Von Seiten der Wohnungsunternehmen und des Bayerischen Staatsministeriums wurde daher insbesondere die Erwartung formuliert, dass künftig die gesetzlichen Vorgaben der Bauordnung als verbindlicher Standard gelten sollen. Wer darüber hinausgehende Verbesserungen oder höhere Standards wünscht, sollte diese gesondert vertraglich vereinbaren müssen.

„Wir haben in München gesehen, dass die Problemlage in Deutschland und Österreich erstaunlich ähnlich ist. Wenn die Bauordnung bestimmte Anforderungen vorgibt, muss es auch möglich sein, diese als ausreichenden Standard rechtssicher umzusetzen. Andernfalls treiben zusätzliche technische Anforderungen die Kosten weiter nach oben, ohne dass damit automatisch ein entsprechender Mehrwert für die Bewohnerinnen und Bewohner entsteht,“
—Christian Rädler, Obmann der ARGE Eigenheim Niederösterreich

Gebäudetyp E: Experimentieren mit dem Bauen

Der Gebäudetyp E steht dabei nicht für einen standardisierten Haustyp. Vielmehr geht es darum, Freiräume für kreative und einfachere Lösungen in Planung und Umsetzung zu schaffen. In Pilotprojekten wird erprobt, auf welche technischen und baulichen Standards verzichtet oder welche Lösungen vereinfacht werden können, ohne dass dadurch wesentliche Qualitäts- oder Sicherheitsanforderungen beeinträchtigt werden.

Die Projekte werden wissenschaftlich von der Technischen Universität Braunschweig begleitet. Ziel ist es, anhand konkreter Bauvorhaben herauszufinden, welche Vereinfachungen in der Praxis funktionieren, von den Bewohner angenommen werden und tatsächlich zu relevanten Kosteneinsparungen führen. Sicherheitsstandards bleiben dabei unangetastet.

Die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend: Bei den besichtigten bzw. vorgestellten Pilotprojekten konnten Baukosteneinsparungen von rund 11 bis 16 Prozent erzielt werden.

„Die Erfahrungen aus München zeigen uns, dass der Gebäudetyp E ein interessanter Ansatz sein kann. Deshalb wollen wir gemeinsam mit den gemeinnützigen Bauvereinigungen prüfen, wie wir einen solchen Ansatz auch in Niederösterreich in einem konkreten Pilotprojekt erproben können. Dieses Projekt soll wissenschaftlich begleitet werden, damit wir daraus fundierte Erkenntnisse gewinnen: Wo können wir einfacher und damit kostengünstiger bauen, ohne bei Sicherheit, Qualität und Wohnkomfort Abstriche zu machen? Genau diese Erkenntnisse wollen wir für den geförderten Wohnbau der Zukunft nutzen“, betont Wohnbau-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister.

NÖ will rechtliche Voraussetzungen für einfacheres Bauen schaffen

Für die ARGE Eigenheim Niederösterreich sind die Erkenntnisse aus München daher eine wichtige Bestätigung der eigenen Initiative. Die Pilotprojekte in Deutschland können wertvolle Hinweise liefern, welche Vereinfachungen sich auch in Österreich bewähren könnten. Gleichzeitig wurde aber deutlich, dass eine Übertragung des Modells allein nicht ausreicht.

„Wir brauchen in Österreich vor allem eine rechtssichere Lösung für die zivilrechtliche Seite. Es kann nicht das Ziel sein, dass Wohnbauträger zwar nach der Bauordnung korrekt planen und bauen, im Streitfall aber dennoch mit zusätzlichen Anforderungen aus technischen Normen konfrontiert werden. Hier braucht es Klarheit“, betont Rädler.

Die ARGE Eigenheim Niederösterreich sieht daher die Notwendigkeit, ein entsprechendes Wohnbauforschungsprojekt des Landes Niederösterreich auf den Weg zu bringen. Dieses soll die notwendigen rechtlichen Maßnahmen und Rahmenbedingungen untersuchen und konkrete Vorschläge für Österreich erarbeiten. „Einfacher bauen bedeutet nicht schlechter bauen. Es geht darum, wieder zwischen wirklich notwendigen Anforderungen und solchen Standards zu unterscheiden, die das Bauen vor allem komplizierter und teurer machen. Der Gebäudetyp E kann dafür wichtige Impulse liefern – er ist aber ein Baustein von mehreren, die wir für einen wieder leistbaren Wohnbau brauchen“, so Rädler abschließend.

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