Europas Rechenzentrumsmarkt wächst über die etablierten Kernmärkte hinaus

Colliers: Wien gewinnt als zentrale CEE-Drehscheibe an Bedeutung
Dagmar Gordon
Dagmar Gordon
Rechenzentrum
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Der Rechenzentrumsmarkt in Europa, dem Nahen Osten und Afrika setzt seinen Wachstumskurs fort. Laut dem aktuellen Colliers EMEA Data Centres Market Report H1 2026 verfügt die EMEA-Region über rund 12,5 GW operative Rechenzentrumskapazität. Die Nachfrage bleibt insbesondere durch den Ausbau von Hyperscale-Cloud-Infrastrukturen, den rasch steigenden Bedarf für Anwendungen der künstlichen Intelligenz sowie wachsende Anforderungen an souveräne und regional verfügbare digitale Infrastruktur außergewöhnlich hoch.

Der Markt befindet sich damit in einer neuen Entwicklungsphase: Nicht mehr ausschließlich die Nachfrage, sondern vor allem die gesicherte Verfügbarkeit von Energie, planungsrechtliche Voraussetzungen und realistische Umsetzungszeiträume entscheiden darüber, welche Standorte weiteres Wachstum aufnehmen können. Der Colliers-Bericht zeigt zugleich, dass sich das Marktgeschehen zunehmend über die etablierten FLAP-D-Standorte hinaus verlagert. Insbesondere ausgewählte Märkte in Zentral- und Osteuropa gewinnen bei Betreibern, Entwicklern und Investoren an Bedeutung.

Europäische Kernmärkte

Die FLAP-D-Märkte London, Frankfurt, Amsterdam, Paris und Dublin bleiben dank hoher Kapazitäten, starker Konnektivität und etablierter Cloud- und Hyperscale-Strukturen das Rückgrat des europäischen Rechenzentrumsmarktes. Ihr Wachstum wird jedoch zunehmend durch Stromengpässe, knappe Flächen und komplexe Genehmigungen begrenzt, wodurch sich neue Entwicklungen verstärkt ins Umland oder in alternative Märkte verlagern.

Europäische Wachstumsmärkte

Gleichzeitig gewinnen Märkte wie Milan, Madrid, Lisbon und Helsinki sowie Regionen wie Nordengland, Aragón, Hauts-de-France und Jütland an Bedeutung. Sie profitieren von besserer Energie- und Flächenverfügbarkeit sowie teils flexibleren Entwicklungsbedingungen und entwickeln sich zunehmend zu eigenständigen Standorten für Cloud-, Hyperscale- und KI-Projekte.Österreich mit umfangreicher Entwicklungspipeline

Österreich mit wachsender Entwicklungspipeline

Der österreichische Rechenzentrumsmarkt verfügt aktuell über eine operative IT-Kapazität von rund 100 MW. Weitere rund 170 MW befinden sich in der konkreten Entwicklungspipeline. Hinzu kommen rund 266 MW an Projekten in einer frühen Entwicklungsphase.

Österreich gewinnt insbesondere aufgrund seiner geografischen Lage an der Schnittstelle zwischen West-, Zentral- und Osteuropa an Attraktivität. Die hohe internationale Glasfaseranbindung, die politische und wirtschaftliche Stabilität sowie der vergleichsweise hohe Anteil erneuerbarer Energieträger stärken die Positionierung des Landes als Standort für digitale Infrastruktur.

Wien bündelt mehr als 80 % der österreichischen Kapazitäten

Wien ist mit rund 82 MW operativer Kapazität der mit Abstand bedeutendste Rechenzentrumsstandort Österreichs und vereint mehr als 80 % der bestehenden nationalen Kapazitäten auf sich. Die Bundeshauptstadt ist damit das zentrale österreichische Cluster für Colocation-Angebote, Cloud-Infrastruktur und unternehmenseigene Rechenzentrumslösungen.

Im Colliers Market Dynamics Rating wird Wien mit A1 bewertet. Die Einstufung „A“ steht für einen hoch entwickelten und international relevanten Markt, während die Wachstumsbewertung „1“ sehr starke zukünftige Entwicklungsperspektiven signalisiert.

„Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil Wiens ist die internationale Konnektivität. Direkte Glasfaserverbindungen bestehen unter anderem zu Frankfurt, München, Zürich, Prag, Bratislava und Budapest sowie in Richtung Südosteuropa und Balkanraum. Rechenzentrumsbetreiber können dadurch von einem Standort aus mehrere regionale Märkte bedienen. Wien nimmt damit eine wichtige Gateway-Funktion zwischen den etablierten westeuropäischen Rechenzentrumsclustern und den Wachstumsregionen Zentral- und Südosteuropas ein. Entscheidend für die weitere Entwicklung wird jedoch sein, ob ausreichend Stromkapazitäten zeitgerecht gesichert und Genehmigungs- und Entwicklungsprozesse effizient umgesetzt werden können“, erklärt Martin Ofner - Head of Research bei Colliers Österreich.

Stromversorgung wird zum entscheidenden Standortfaktor

Die weitere Entwicklung des Wiener Marktes ist eng mit der Verfügbarkeit zusätzlicher Strom- und Netzanschlusskapazitäten verbunden. Der zunehmende Bedarf von Hyperscalern, Cloud-Anbietern und KI-Anwendungen führt zu deutlich höheren Leistungsanforderungen. Gleichzeitig können lange Anschlussfristen und komplexe Entwicklungsprozesse die Umsetzung neuer Projekte verzögern.

Diese Entwicklung zeigt sich im gesamten EMEA-Raum. Nach Einschätzung von Colliers haben Stromverfügbarkeit, Netzanschlussfristen und Planungssicherheit die Nachfrage inzwischen als wichtigste limitierende Faktoren für neue Rechenzentrumskapazitäten abgelöst. Dadurch gewinnen Standorte mit bereits gesicherter Energieversorgung, belastbaren Genehmigungspfaden und langfristig skalierbaren Grundstücken deutlich an Wert.

Großraum Linz entwickelt sich als ergänzender Standort

Während Wien den österreichischen Rechenzentrumsmarkt weiterhin klar dominiert, gewinnt der Großraum Linz durch den Bau des ersten österreichischen Google-Rechenzentrums in Kronstorf sowie durch den Ausbau regionaler Rechenzentrumsangebote zunehmend an Bedeutung. Das Google-Projekt stellt eine der bislang größten Investitionen in digitale Infrastruktur in Oberösterreich dar und könnte die Region langfristig als ergänzenden österreichischen Cloud- und KI-Infrastrukturstandort positionieren.

Linz kann den Wiener Markt perspektivisch ergänzen, insbesondere für Cloud-Angebote, Unternehmensanwendungen sowie Projekte, bei denen Stromverfügbarkeit, Grundstücksreserven und die Nähe zu industriellen Nutzern eine wichtige Rolle spielen.

Ausblick

Der österreichische Rechenzentrumsmarkt weist eine umfangreiche Entwicklungspipeline und langfristig attraktive Rahmenbedingungen auf. Wien bleibt dabei der zentrale Markt und verfügt aufgrund seiner Konnektivität, geografischen Lage und etablierten Betreiberlandschaft über sehr gute Voraussetzungen für weiteres, insbesondere hyperscale-getriebenes Wachstum.

Die Umsetzung der angekündigten Kapazitäten wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob Stromversorgung, Netzanschlüsse, Grundstücke und Genehmigungen rechtzeitig gesichert werden können. Europaweit wird künftig vor allem die Umsetzungs- und Liefersicherheit darüber entscheiden, welche Märkte die hohe Nachfrage tatsächlich in operative Kapazitäten überführen können.