Nach einer ausgeprägten Zinssenkungsphase in den Jahren 2024 und 2025 verdichten sich die Signale, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren geldpolitischen Kurs erneut dreht. Steigende Inflation, geopolitische Verwerfungen und wachsender Druck aus dem Markt rücken Zinserhöhungen für den weiteren Jahresverlauf 2026 in den Bereich des Wahrscheinlichen.
Aktuelle Leitzinsen: EZB hält Kurs — vorerst
Seit Mitte 2025 belässt die EZB ihre Leitzinsen unverändert. Der Einlagenzins liegt bei 2,00 %, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,15 % und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,40 % (Stand: April 2026). Die Ratssitzung vom 30. April 2026 bestätigte diese Stabilität und signalisierte eine abwartende Haltung angesichts gestiegener Risiken. Eine datengestützte Entscheidungsfindung bleibt das erklärte Prinzip der Notenbank.
Inflation über Zielwert — geopolitische Risiken verschärfen den Druck
Die Inflation im Euroraum lag im April 2026 bei 3,0 % und übertrifft damit den EZB-Zielwert von 2,0 % deutlich. Auch die eigenen Projektionen der Notenbank für das Gesamtjahr 2026 siedeln sich mit rund 2,6 % über diesem Ziel an. Die Kerninflation, die volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise ausklammert, beläuft sich auf etwa 2,3 % — ein Wert, der auf anhaltenden Preisdruck hindeutet.
Zusätzlich belasten geopolitische Entwicklungen die Inflationsaussichten. Der Konflikt im Nahen Osten treibt die Energiepreise und unterbricht Lieferketten, was die Inflationsrisiken für den Euroraum spürbar erhöht. Dies setzt die EZB unter Druck, weitere Maßnahmen zur Sicherung der Preisstabilität in Betracht zu ziehen.
Marktprognosen: Großbanken rechnen mit Zinserhöhungen
Mehrere internationale Finanzinstitute haben ihre Erwartungen bereits klar formuliert. J.P. Morgan, Morgan Stanley und Barclays prognostizierten im März 2026 Zinserhöhungen der EZB — möglicherweise bereits ab April 2026, mit weiteren Schritten im Juni und Juli. Im März lag die Marktwahrscheinlichkeit für eine Anhebung im April bei rund 60 %; für das Gesamtjahr 2026 wurden mindestens zwei Zinsschritte eingepreist.
Eine Expertenumfrage vom Mai 2026 bestätigt dieses Bild: Die Befragten gehen von Zinserhöhungen im Juni sowie von insgesamt zwei Anhebungen im Jahresverlauf aus, um den Inflationsdruck einzudämmen.
Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, äußerte im Mai 2026, dass „Zinserhöhungen immer wahrscheinlicher werden, falls sich das Inflationsbild nicht grundlegend ändert“. Die Aussage unterstreicht die Bereitschaft zumindest eines EZB-Ratsmitglieds, den restriktiven Kurs wieder aufzunehmen.
Gleichzeitig bleibt das Wirtschaftswachstum im Euroraum gedämpft. Die EZB steht damit vor einem klassischen Balanceakt: Eine zu frühe Zinserhöhung könnte das Wachstum hemmen, ein zu langes Abwarten jedoch die Inflation außer Kontrolle geraten lassen.
Ausblick: 11. Juni 2026 als nächste Weichenstellung
Die nächste Zinsentscheidung des EZB-Rates ist für den 11. Juni 2026 angesetzt. Ob die Notenbank dann tatsächlich die Zinsen anhebt, hängt von den bis dahin vorliegenden Wirtschaftsdaten sowie der weiteren Entwicklung der globalen Lage ab. Für Marktteilnehmer in der Immobilien- und Finanzierungswirtschaft bedeutet das: Die Phase stabiler Finanzierungskosten könnte sich dem Ende nähern. Wer Refinanzierungen oder neue Projekte plant, sollte die EZB-Kommunikation in den kommenden Wochen eng verfolgen.