Gemeinnützige Bauvereinigungen präsentieren Fünf-Punkte-Plan zur Dekarbonisierung

Der Verband der gemeinnützigen Bauvereinigungen sieht dringenden Handlungsbedarf beim Thema Heiz- und Kühlsysteme
Lorenz Selinger
Lorenz Selinger
Michael Gehbauer
Michael Gehbauer
© Wilke

Der Österreichische Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen drängt auf rasche politische Weichenstellungen. Dessen 173 Mitglieder verwalten über eine Million Wohnungen und stehen vor einer klaren Aufgabenteilung: Die thermische Sanierung der Gebäudehülle ist weitgehend abgeschlossen – der Heizungstausch stockt. Um bis 2040 fossilfrei zu heizen, fehlen Finanzierungssicherheit, Rechtssicherheit und Fördervolumen. Der Verband legt nun einen konkreten Fünf-Punkte-Plan vor.

Gebäudehülle saniert – Heizungstausch stockt

Ein erster thermischer Sanierungszyklus der GBV-Bestände gilt als weitgehend abgeschlossen. Der Handlungsbedarf verlagert sich damit auf die Wärmeerzeugung – jenen Bereich, der Emissionen tatsächlich senkt. Im vergangenen Jahr stellten die Bauvereinigungen rund 6.900 Wohnungen von fossilen auf klimafreundliche Heizsysteme um, ein Plus von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Ziel, bis 2040 fossilfrei zu heizen, erfordert rechnerisch rund 20.000 Heizungsumstellungen jährlich – etwa das Dreifache des aktuellen Tempos.

EVB-Deckelung reißt 536-Millionen-Euro-Lücke

Im gemeinnützigen Sektor gilt das Kostendeckungsprinzip. Bestandsinvestitionen finanzieren sich im Wesentlichen über den Erhaltungs- und Verbesserungsbeitrag (EVB), dessen Höhe gesetzlich geregelt ist. Das 3. und das 4. Mietrechtliche Inflationslinderungsgesetz (MILG) haben die Valorisierung des EVB gedeckelt beziehungsweise für 2025 ausgesetzt. Nach Berechnungen des Verbands summieren sich die EVB-Mindereinnahmen von 2024 bis 2027 auf 536 Millionen Euro. Aus eigener Substanz lässt sich dieser Ausfall nicht decken: Das Eigenkapital steckt bereits in Grundstücken, Wohngebäuden und laufenden Sanierungen.

Fünf-Punkte-Plan: Was der Verband fordert

Zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen hält der Verband folgenden Fünf-Punkte-Plan für dringend umsetzbar:

  1. EVB anpassen und langfristig werterhaltend ausgestalten. Ohne planbare Erhaltungsmittel gibt es keine planbare Dekarbonisierung.
  2. Gezielt fördern beim Umstieg auf neue Heiz- und Kühlsysteme. Klimaschutz darf nicht ausschließlich über die Wohnkosten der Mieter:innen finanziert werden.
  3. Zentrale statt individuelle Lösungen, bei Wärme wie bei Kühlung. Der Ersatz dezentraler Gasthermen durch zentrale Systeme ist der technische Schlüssel im schwierigsten Bestandssegment. Einzelgeräte in einzelnen Wohnungen sind weder energetisch noch wirtschaftlich sinnvoll.
  4. Duldungspflichten klar regeln. Wer eine Anlage im gesamten Haus tauscht, braucht Rechtssicherheit über den Zugang zu einzelnen Wohnungen. Einzelne Wohnungen dürfen ein Gesamtprojekt nicht aufhalten.
  5. Erhöhungsverfahren beim EVB vereinfachen. Langwierige Verfahren blockieren Projekte, die auf Jahre budgetiert sind.

Stimmen aus dem Verband

„Bei uns ist die thermische Sanierung der Gebäudehülle weit fortgeschritten. Jetzt geht es primär um Heizung und Kühlung – und dafür brauchen wir den EVB und eine verlässliche Förderung. Wir gehen zuversichtlich in diesbezügliche Gespräche. Die Aufgabe ist lösbar.“
—Michael Gehbauer, Obmann des Österreichischen Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen
„Dekarbonisierung darf nicht an fehlender Planbarkeit scheitern. Wir brauchen Lösungen, die technisch funktionieren, wirtschaftlich darstellbar sind und gleichzeitig die Leistbarkeit des Wohnens sichern.“
—Isabella Stickler, Obmannstellvertreterin des Österreichischen Verbands gemeinnütziger Bauvereinigungen

Ausblick: Gespräche auf Expertenebene laufen

Rechtsfragen zur Dekarbonisierung des Gebäudebestands werden derzeit auf Expertenebene verhandelt. Der Verband signalisiert Gesprächsbereitschaft, knüpft Fortschritte jedoch an klare Voraussetzungen: eine EVB-Reform, verlässliche Förderprogramme und rechtlich gesicherte Zugangsmöglichkeiten zu Einzelwohnungen. Ob die Politik diese Weichen rechtzeitig stellt, entscheidet darüber, ob das Dreifache des heutigen Umstellungstempos bis 2040 erreichbar bleibt.