News

"Ich bin keine komische Nummer mehr."

Als Stadtpsychologin ist Cornelia Ehmayer mittlerweile „stadtbekannt“ – Projekte wie das Vorhaben Heumarkt – Lothringer Straße hat sie psychologisch begleitet.
Thomas Malloth
Thomas Malloth

Als Stadtpsychologin ist Cornelia Ehmayer mittlerweile „stadtbekannt“ – Projekte wie das Vorhaben Heumarkt – Lothringer Straße hat sie psychologisch begleitet.

Im Mai gab es eine freundliche Presseaussendung: „Rund ein Jahr wurde seit der öffentlichen Präsentation der Pläne zur Neugestaltung des Areals Eislaufverein/InterContinental/Konzerthaus gearbeitet. Ein Jahr der intensiven Gespräche mit allen Beteiligten, vor allem natürlich mit Eislaufverein, Konzerthaus und den ExpertInnen der Stadt und des Bezirks. Ein Jahr des gemeinsamen Feilens an den Details“, zieht Projektleiterin Daniela Enzi, Geschäftsführerin des Projektplaners WertInvest, Bilanz. Dieses gemeinsame Feilen geschah unter anderem mit Unterstützung einer besonderen Dame: der Stadtpsychologin Cornelia Ehmayer.

Arbeitsalltag?

„Es gibt keinen Alltag, es gibt keine Routine, jeder Tag ist anders“, erzählt Ehmayer. Projektarbeit sei eben immer vom Projekt abhängig. Auch der Zeitfaktor. Beim „Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung“ beispielsweise (Auftraggeber: MA 21, zuständig für die Flächenwidmung) dauerte der Projektprozess zwei Jahre. Aber dennoch: Wie sieht der Alltag einer Stadtpsychologin aus? „Es gibt viele Sitzungen und Besprechungen, es gibt auch immer wieder Pilotprojekte.“ Die Situation ist immer wieder neu, die Teilnehmer oft nicht geübt, beim Visavis gibt es einiges an Aufregungen – bei Fürsprechern und Gegnern von Projekten. Ehmayer: „Meine Aufgabe besteht darin, die Bevölkerung gut zu informieren.“ Inhaltlich sieht sich die Psychologin, die 2014 ihre Dissertation zum Thema „Aktivierende Stadtdiagnose“ als Buch herausgebracht hat, breit aufgestellt: Sie organisiert nicht nur Bürger-Veranstaltungen, sie schaut auch auf den Inhalt des zu vermittelnden Projektes. MMF_Ehmayer_16_web

Wichtig dabei: „Immer darauf achten, dass alles im Diskurs geschieht.“ Das ist wichtig, weil bei solchen städtischen Projekten viele Beteiligte mitmischen: Politiker, Bürgermeister, Gemeinderäte, aber auch natürlich Architekten und Planer, aber: „Keine Psychologen!“ Gibt es aktuell starken Bedarf an einer Dienstleistung wie Stadtpsychologie? Ehmayer: „Den gibt es schon seit Jahrzehnten. Schon vor 20 Jahren war das Thema ,Beteiligung und Stadtentwicklung‘ am Tapet.“ Ökologisch, erzählt Ehmayer, gehe schon alles ganz gute Wege in Sachen Stadtprojektentwicklung, aber psychologisch laufe noch „sehr viel falsch“. Soll heißen: „Was fördert die Kommunikation, aber auch die Konflikte? Dieses Wissen kann man nicht an einen Einzelnen abgeben.“

Unikat-Psychologin

Für die gelernte Umweltpsychologin ist „das Rundherum wichtig“. Deshalb habe sie sich für diesen Bereich entschieden. Eigentlich ist sie auch Gesundheitspsychologin, aber in diesem Feld wollte sie beruflich nicht weitermachen. Es zog sie zu räumlich umfassenderen Projekten. Die Frage, wie man urbanen Raum nutzbar machen kann, hatte sie gepackt. Laut eigenen Recherchen im Internet ist sie weltweit ein Unikat. Freilich gibt es Umweltpsychologen und Architekturpsychologen. Aber wie eine Stadt von den Menschen wahrgenommen wird, ist noch keine sehr verbreitete Disziplin.

Aktuell beschäftigt sich Ehmayer mit dem Grätzelprojekt Heumarkt-Lothringer Straße: Hotel InterContinental, Eislaufverein und Konzerthaus sind in dieses Projekt involviert – und jede Menge Aufreger. Wie z.B. der geplante Wohnturm mit über 70 Metern Höhe, der die Beteiligten (oder auch Unbeteiligten) polarisiert (siehe Kasten). Stadtpsychologin Ehmayer war und ist dabei für die Öffentlichkeitsbeteiligung zuständig und nicht – darauf legt sie Wert -, ob gebaut wird oder nicht. Das Besondere an diesem Projekt war für Ehmayer, dass der Betreiber, Wertinvest, zu einem sehr frühen Zeitpunkt an sie herangetreten sei. „Ob man jetzt über die Architektur streitet oder nicht, steht auf einem anderen Papier. Aber das Unternehmen war sogar früher da als die Stadt und meinte: Ihr müsst mit den Leuten reden.“ Denn Menschen, erzählt die Psychologin, kommen mit Veränderungen besser zurecht, wenn sie informiert sind.

MMF_Ehmayer_14_web
MMF_Ehmayer_14_web

Streit erwartet

Erwartet man sich als Bauherr Streitereien, wenn man eine Stadtpsychologin heranzieht? Ehmayer: „Wenn man weiß, dass man einen Turm in einer Weltkulturerbe-Zone baut, wird es wohl Konfliktpotenzial geben.“ Aber: Man kann früher kommunizieren und dadurch besser mit Konflikten umgehen. Die Gespräche laufen weiter, auch mit der Stadtpsychologin: „Ich werde informiert, welches Setting wir eventuell als nächstes brauchen. Z.B. war damals die beste Form der Kommunikation, dass eine wochenlange Ausstellung anstelle einer einmaligen Präsentation stattgefunden hat.“ Zusätzlich waren noch Projektbeteiligte als Dialogpartner anwesend: „So konnten Fragen gestellt werden und niemand wurde allein gelassen. Das ist der psychologische Ansatz.“ Freilich könne man „die Leute nicht umdrehen“, aber man kann viele Ängste nehmen.

Kommunikation delegieren

Arbeit gebe es mittlerweile genug, ist Ehmayer überzeugt. Dabei sieht sie den Begriff „Marktdynamik“ ein bisschen zu hoch gegriffen, um ihn als Trend zu bezeichnen: „Es ist jetzt leichter als früher, aber dennoch schwierig, zu Aufträgen zu kommen. Aber ich bin keine komische Nummer mehr in der Stadt.“ Dass man aber in kein Schema „hineinpasst“, sei schon schwierig, aber: „Ich sitze zwischen den Stühlen und bleibe daher beweglich.“

Überraschenderweise würde es Ehmayer „freuen, wenn es mehr Stadtpsychologen geben würde“. Denn Planer können nicht mehr alles selber machen: „Es ist schon gescheit, jemanden für die Kommunikation zu holen. Das Themenfeld Beteiligung und Demokratie bei Bauvorhaben wird ja nicht weniger…“. Ehmayer würde sich als gut beschäftigt bezeichnen: „Die Aufträge kommen, ich mache mir keine Sorgen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass mein Büro 3 bis 5 fixe Mitarbeiter trägt, und das tut es derzeit nicht.“ Aber aus dem Ausland ereilte sie mittlerweile schon der eine oder andere Ruf: Deutsche Botschaft, das Bundesland Baden-Würtemberg oder Hamburg. Denn da gibt es auch ein Gesetz zur frühzeitigen Beteiligung: „Die wenden sich explizit an mich als Stadtpsychologin“, freut sich Ehmayer, die sich in fünf Jahren schon internationaler – zumindest im deutschsprachigen Raum - sieht.


PROJEKTE DER STADTPSYCHOLOGIE

Das Projekt Neugestaltung Areal Heumarkt/Lothringerstraße des Wiener Eislaufvereins (WEV) mit dem Grundeigentümer und Projektplaner WertInvest ist seit einigen Jahren Thema in Wien: Neben der völligen Neugestaltung und technischen Erneuerung der rund 6.000 Quadratmeter großen Freiluft-Eislauffläche sowie der Garderoben- und sonstigen Räumlichkeiten des WEV, ist die Errichtung von zwei unterirdischen Eissporthallen vorgesehen.

Zu diskutieren sind noch einige wirtschaftliche und juristische Details, wie es bei WertInvest heißt. Der Pachtvertrag mit dem Wiener Eislaufverein soll auf 99 Jahre verlängert werden. Der aus dem Wettbewerbsverfahren als Sieger hervorgegangene Entwurf des brasilianischen Architekten Isay Weinfeld polarisierte Experten wie Laien seit der Bekanntmachung vor gut zwei Jahren. Hauptgrund der Kritik: Der im Zuge der Neugestaltung geplante Wohnturm auf dem Areal gefährde die Wiener Innenstadt in seinem Status als Weltkulturerbe.

MMF_Ehmayer_6_web
MMF_Ehmayer_6_web

Der öffentliche Bereich bei der U6 Josefstädter Straße wird schrittweise neu gestaltet. Aufgrund der angespannten sozialen Situation ist eine besonders intensive Abstimmung zwischen den Planungsabteilungen mit den vor Ort tätigen Personen, Betrieben und Institutionen durch die Maßnahmenintervention Josefstädter Straße notwendig. Der „Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung“ soll zeigen, welche Möglichkeiten es für die Wiener Bevölkerung gibt, sich an städtebaulichen Vorhaben zu beteiligen.

Das Hochhausprojekt „Danube Flats“ hatte aufgrund der befürchteten Eingriffe in die Stadtlandschaft bereits im Vorfeld für viel Kritik, vor allem unter den Anrainern, gesorgt. Aufgabe im Rahmen des Dialog Danube Flats war, die Meinung und Vorschläge der betroffenen Nachbarschaft umfassend einzuholen und zu diskutieren.