Industrieanlage für Biomasseprotein:

MicroHarvest und Drees & Sommer realisieren Europas erste Großanlage in Leuna
Lorenz Selinger
Lorenz Selinger
Visualisierung der geplante MicroHarvest-Anlage in Leuna
Visualisierung der geplante MicroHarvest-Anlage in Leuna
© Drees & Sommer

Europa deckt seinen Proteinbedarf zu einem erheblichen Teil durch Importe. Soja, der wichtigste Eiweißträger in der Futter- und Lebensmittelproduktion, erzeugt die EU gerade einmal zu acht Prozent selbst. Das Hamburger Biotech-Scale-up MicroHarvest adressiert dieses strukturelle Defizit mit einer Produktionsanlage im Chemiepark Leuna, die als erste Anlage Europas hochwertiges Protein im industriellen Maßstab durch Biomassefermentation herstellen soll. Auf einer Bruttogrundfläche von rund 5.800 Quadratmetern plant das Unternehmen eine Jahreskapazität von 15.000 Tonnen Protein. MicroHarvest investiert einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag und schafft am Standort rund 25 Arbeitsplätze. Der Produktionsstart ist für die erste Jahreshälfte 2028 vorgesehen. Das auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierte Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE begleitet das Vorhaben in der Planungsphase mit Projektmanagement und Generalplanung.

Importabhängigkeit als strategisches Risiko

Der Markt für alternative Proteine zählt zu den wachstumsstärksten Zukunftsmärkten. Laut einer Analyse der Boston Consulting Group und Blue Horizon könnte das weltweite Marktvolumen bis 2035 auf 97 Millionen Tonnen steigen.

„Wer Proteinnachschub von Argentinien, Brasilien oder den USA abhängig macht, hat wenig Spielraum, wenn Häfen blockiert sind, Ernten ausfallen oder Exportzölle verhängt werden. Mit unserem Vorhaben in Leuna haben wir die Chance, unabhängig und resilient zu werden. Das gilt es jetzt zu nutzen.“
—Jonathan Roberz, Mitgründer und COO von Micro Harvest

Fermentation statt Import

MicroHarvest fermentiert Mikroorganismen, die seit Jahrtausenden in der Lebensmittelherstellung eingesetzt werden. Als Substrat dienen regionale Agrar-Nebenströme, insbesondere Melasse — ein Nebenprodukt der Zuckerproduktion, das in der Agrarregion um Leuna in großen Mengen anfällt. Die Fermentation läuft in geschlossenen Edelstahltanks ab; die Mikroorganismen nehmen die Melasse auf und synthetisieren daraus Proteine. 

„Unser Verfahren ähnelt dem aus der Brauerei, nur geht es bei uns deutlich schneller und statt Alkohol entsteht hochwertiges Eiweiß in Pulverform.“
—Jonathan Roberz

Die getrocknete Biomasse weist einen Rohproteingehalt von über 60 Prozent auf — 20 Prozentpunkte mehr als eine Hühnerbrust — und enthält zusätzlich Aminosäuren, Vitamine und Mineralien. Vom Rohstoffeintrag bis zum fertigen Proteinpulver vergehen 24 Stunden; ohne Gentechnik, wetterunabhängig und 365 Tage im Jahr.

Pilotanlage Lissabon als Proof of Concept

Die technische Skalierbarkeit des Verfahrens hat MicroHarvest bereits nachgewiesen. Im November 2023 eröffnete das Unternehmen in Lissabon eine Pilotanlage auf rund 200 Quadratmetern. Die Anlage produzierte zunächst 25 Kilogramm Einzeller-Protein pro Tag und lieferte damit die erste belastbare Evidenz für die Prozessskalierung. Die dort gewonnenen Erkenntnisse fließen unmittelbar in die Planung der Großanlage in Leuna ein.

Generalplanung und Projektmanagement durch Drees & Sommer

Die technische und wirtschaftliche Realisierbarkeit des Vorhabens hat Drees & Sommer im Rahmen einer Machbarkeitsstudie bestätigt. Die Fachleute analysierten und bewerteten darin die Rahmenbedingungen des Bauvorhabens — von behördlichen Vorgaben bis zu möglichen Risiken — und prüften verschiedene Planungsvarianten auf Wirtschaftlichkeit und Optimierungspotenzial. Derzeit verantworten Projektleiter Manuel Paulick und sein Team die Vorplanung sowie die Entwurfsplanung für das Gebäude und Teile des künftigen Fermentationsprozesses.

„Wir planen unter anderem Bereiche für die Rohmaterialannahme, Lagerung und Vorbereitung. Dazu kommt eine Anlage zum Trocknen, Abfüllen und Verpacken des Proteins sowie Systeme, die den Fermentationsprozess unterstützen. Büros, Labore, die Technische Gebäudeausstattung und Außenanlagen ergänzen die Planung.“
—Manuel Paulick
„Wir stimmen zahlreiche Fachdisziplinen, Lieferanten, Bauherrnentscheidungen und Freigaben von Beginn an exakt aufeinander ab und berücksichtigen sie in unserer Planung; gleichzeitig dürfen wir die Kosten nicht aus dem Blick verlieren.“
—Steffen Butz, leitender Prozessingenieur bei Drees & Sommer

Drees & Sommer bündelt einen Großteil der Planungs-, Beratungs- und Steuerungsaufgaben aus einer Hand. Die Anlage wird zunächst auf die GMP+ Zertifizierung der Produktionsstandards für den Futtermittelbereich ausgelegt; eine spätere Erweiterung auf Lebensmittelstandard ist vorgesehen.

Von Tierfutter zur Lebensmittelzutat

MicroHarvest vermarktet sein Protein zunächst im Tierfutterbereich, insbesondere in Pet Food und Aquakultur. Erste Produkte sind bereits verfügbar: Gemeinsam mit dem deutschen Anbieter Vegdog und dem britischen Heimtierfutterhersteller The Pack hat das Unternehmen Hundeleckerlis auf Basis seines fermentierten Proteins entwickelt. Sobald die Zulassung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) im Rahmen des Novel-Food-Verfahrens vorliegt, soll das Protein auch auf dem Lebensmittelmarkt verfügbar sein — etwa als Zutat in Hackbällchen oder Proteinriegeln. Mit dem geplanten Produktionsstart in der ersten Jahreshälfte 2028 positioniert sich MicroHarvest als erster industrieller Anbieter von fermentationsbasiertem Einzeller-Protein in Europa und adressiert damit eine Versorgungslücke, die durch geopolitische Verwerfungen zunehmend an strategischer Relevanz gewinnt.