Der Tod von Klaus-Michael Kühne am 24. August 2026 wirft erneut Fragen zur Zukunft des seit fast drei Jahren stillstehenden Hamburger Elbtowers auf. Kühne gehörte zum Investorenkonsortium um den Hamburger Immobilienentwickler Dieter Becken, das den halbfertigen Wolkenkratzer übernehmen und fertigstellen wollte.
Klaus-Michael Kühne hatte im Frühjahr 2025 öffentlich erklärt, sich mit bis zu 100 Millionen Euro am Weiterbau des prestigeträchtigen Projekts beteiligen zu wollen. „Hamburg braucht einen solchen Wolkenkratzer zwar nicht, den Rohbau kann die Stadt aber noch viel weniger gebrauchen", argumentierte der Unternehmer, der seiner Geburtsstadt zeitlebens eng verbunden blieb. Er wolle mit seinem Engagement helfen, dieses „düstere Kapitel" zu beenden.
Zum Investorenkonsortium, das seit Dezember 2024 exklusiv mit dem Insolvenzverwalter Torsten Martini verhandelt, gehören neben Kühnes Holding auch der Hamburger Immobilienentwickler Dieter Becken, die Signal Iduna, Drogerieunternehmer Dirk Roßmann und das Bauunternehmen Adolf Lupp. Das Bundeskartellamt hatte das Gemeinschaftsunternehmen Anfang 2026 freigegeben.
Finanzielle Auswirkungen voraussichtlich begrenzt
Nach Informationen der „Hamburger Morgenpost" soll Kühne sein Engagement für den Elbtower bereits vor längerer Zeit über die Kühne-Stiftung abgesichert haben. Karl Gernandt, langjähriger Vertrauter Kühnes und Mitglied des Stiftungsrats, sei eng in die Planungen für den Weiterbau eingebunden gewesen. Die Kühne-Stiftung wird nach dem Tod des Unternehmers dessen gesamtes Vermögen erben, einschließlich der Kühne Holding mit ihren verschiedenen Beteiligungen.
„Nach derzeitigem Informationsstand gibt es keinen Beleg dafür, dass durch Kühnes Tod zugesagtes Kapital wegfällt", berichtet das Fachportal Ingenieur.de. Der Tod Klaus-Michael Kühnes erzeuge damit zwar eine neue Unsicherheit, sei aber „nach dem derzeitigen Stand nicht das Problem, an dem der Elbtower zu scheitern droht".
Größere Hindernisse für den Weiterbau
Tatsächlich stehen dem Projekt größere Hürden im Weg als Kühnes Tod. Erstens muss das Konsortium den Kauf des Rohbaus vom Insolvenzverwalter abschließen. Zweitens braucht es eine tragfähige Gesamtfinanzierung – benötigt werden laut Kühne 400 Millionen Euro, während er selbst maximal 100 Millionen Euro beisteuern wollte. Drittens ist unklar, ob Hamburg das geplante Naturkundemuseum tatsächlich im Elbtower unterbringen wird.
Signal Iduna hat den Einzug des Museums sogar zur Voraussetzung für den Weiterbau erklärt. Die Hamburger SPD hält dieses Szenario inzwischen für „wenig wahrscheinlich" und lehnt weitere finanzielle Zugeständnisse ab. „Wir wollen nicht am Ende Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren", erklärte SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf. Es müsse eine andere Lösung geben.
Die Anfänge unter Signa
Der Elbtower sollte das neue Wahrzeichen Hamburgs werden. Im März 2017 stellte die Stadt das ambitionierte Projekt vor: 245 Meter Höhe, 64 Stockwerke, das dritthöchste Gebäude Deutschlands, entworfen vom renommierten Büro David Chipperfield Architects. Im März 2019 kaufte die Signa Prime Selection AG des österreichischen Investors René Benko das Grundstück von der Stadt Hamburg für 122 Millionen Euro.
Der Baubeginn erfolgte im Oktober 2021, nachdem die Baugenehmigung erteilt worden war. Die Deutsche Bahn hatte bereits im Herbst 2021 Widerspruch eingelegt, weil sie durch das Gewicht des Wolkenkratzers Schäden an ihren Anlagen sowie Betriebsstörungen befürchtete. Sie ließ sich vertraglich zusichern, dass der Eigentümer für allfällige Schäden aufkommt.
Im November 2022 wurde das Fundament fertiggestellt, das Bauunternehmen Adolf Lupp aus Hessen führte die Rohbauarbeiten durch. Die geschätzten Baukosten beliefen sich zu diesem Zeitpunkt auf 950 Millionen Euro, die Fertigstellung war für 2025/26 vorgesehen.
Der Kollaps des Signa-Imperiums
Am 30. Oktober 2023 kam der Baustopp. Das beauftragte Bauunternehmen Adolf Lupp stellte bei 100 Metern Höhe die Arbeit ein, weil Rechnungen nicht mehr bezahlt wurden. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Baukosten von rund 400 Millionen Euro entstanden. Hohe Baukosten, steigende Kreditzinsen und hausgemachte Probleme hatten den Signa-Konzern in Schieflage gebracht.
Ende November 2023 meldete die Signa Holding Insolvenz an. Die deutsche Tochter Signa Real Estate Management Germany (Signa REM) stellte am Freitag zuvor einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Charlottenburg. René Benko zog sich aus der operativen Führung zurück, die Geschäfte übernahm der deutsche Sanierungsexperte Arndt Geiwitz.
Im Januar 2024 meldete die Elbtower Immobilien GmbH & Co. KG Insolvenz an. Die Hamburg Commercial Bank stornierte ihren Mietvertrag über 11.000 Quadratmeter. Im April 2024 wurde die Baustelle abgebaut, die Kräne demontiert. Im März 2024 hatte René Benko persönlich Insolvenz angemeldet, im Januar 2025 wurde er in Wien in Untersuchungshaft genommen.
Kühnes zwiespältige Rolle im Signa-Debakel
Klaus-Michael Kühne war ursprünglich einer der größten Geldgeber René Benkos gewesen. Im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" räumte er 2024 ein, mit dem Kollaps des Benko-Imperiums insgesamt eine halbe Milliarde Euro verloren zu haben. „Benko hat mich um den Finger gewickelt", gestand er freimütig.
Zunächst hatte Kühne im November 2023 noch erklärt, er stehe nicht als Finanzier für den Elbtower zur Verfügung. „Die Kühne Holding ist von einem Elbtower-Engagement weit entfernt", ließ er dem „Hamburger Abendblatt" mitteilen. Doch bereits wenige Wochen später prüfte seine Holding laut „Handelsblatt" eine mögliche Übernahme des Projekts.
Vertragliche Rahmenbedingungen und Zeitdruck
Laut Vertrag zwischen der Stadt Hamburg und Signa muss der Rohbau spätestens Anfang 2028 fertiggestellt werden, andernfalls drohen Strafzahlungen von 500.000 Euro monatlich, maximal zehn Millionen Euro. Frühestens 2029 könnte die Stadt das nicht fertige Gebäude von Signa zurückkaufen gegen Erstattung des Kaufpreises in Höhe von 117 Millionen Euro.
Die Stadt Hamburg hatte im Mai 2024 ihr Wiederkaufsrecht beim Insolvenzverwalter angemeldet, ließ die bis Ende Januar 2025 laufende Frist aber ungenutzt verstreichen. Bürgermeister Peter Tschentscher stellte klar, dass der Elbtower ein „privatwirtschaftliches Projekt" sei und die Stadt weder den Bau fortführen noch bei finanziellen Engpässen einspringen werde.
Zusätzliche Komplikationen durch Setzungsschäden
Im März 2025 verhängte das Hamburger Amt für Bauordnung und Hochbau ein Weiterbauverbot für den Elbtower aufgrund von Senkungsschäden an benachbarten Bahnanlagen. Das Verbot galt vorläufig bis zum 23. März 2026. Eine Baufortführung wäre nur möglich, falls der Bauträger bis zum 23. März 2027 „Kompensationsmaßnahmen" auf seine Kosten vornimmt und deren „ausreichende Wirksamkeit" nachweist.
Genau diese Befürchtungen hatte die Deutsche Bahn bereits 2021 geäußert und sich vertraglich zusichern lassen, dass der Eigentümer für allfällige Schäden an den Bahnanlagen aufkommt. Die Problematik verschärft die ohnehin angespannte Situation zusätzlich.
Das Naturkundemuseum als möglicher Rettungsanker
Im Oktober 2025 präsentierte die Stadt Hamburg einen möglichen Ausweg: Das geplante Naturkundemuseum der Leibniz-Gemeinschaft könnte in den Elbtower einziehen. Die Stadt wäre bereit, bis zu 595 Millionen Euro für Museumsflächen auszugeben. Gleichzeitig sollte die Höhe des Turms von 245 auf 199 Meter und die Nutzfläche von 190.000 auf 100.000 Quadratmeter reduziert werden.
Sowohl Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) als auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) zeigten sich offen für diese Option – sofern sie wirtschaftlich darstellbar ist. Im Januar 2026 stand mit der Primestar Group auch ein neuer Hotelbetreiber fest, der ein Fünfsternehaus mit 195 Zimmern planen wollte, das Hilton Hamburg Elbtower. Die Eröffnung war für spätestens 2029 vorgesehen.
Doch Signal Iduna, einer der Hauptinvestoren im Becken-Konsortium, machte den Einzug des Naturkundemuseums zur Bedingung für den Weiterbau. Genau hier hakt es: Die SPD in Hamburg hält das Museumsszenario inzwischen für „wenig wahrscheinlich" und lehnt weitere finanzielle Zugeständnisse ab. Das Konsortium sieht die von der Stadt gebotenen 595 Millionen Euro als zu wenig an.
Kühnes pessimistische Einschätzung vor seinem Tod
Klaus-Michael Kühne selbst hatte sich im Frühjahr 2025 im „Spiegel"-Interview skeptisch zur Zukunft des Elbtowers geäußert: „Ich glaube nicht, dass es sich realisieren lässt", sagte der damals 87-Jährige. Es hake nach wie vor bei der Finanzierung, auch fehlten Mieter. „Benötigt werden 400 Millionen, doch außer uns gibt es nur einen weiteren Investor."
Zum geplanten Naturkundemuseum betonte er: „Der Einzug des Naturkundemuseums ist nicht in trockenen Tüchern." Kühne warnte sogar vor einem drastischen Szenario: „Es kann gut sein, dass der Elbtower eine Ruine bleibt. In ein, zwei Jahren käme dann die Stadt zum Zuge und würde sie abreißen."
Ausblick: Ungewisse Zukunft trotz Absicherung
Der Tod Klaus-Michael Kühnes stellt das Elbtower-Projekt vor eine neue Bewährungsprobe. Zwar scheint sein finanzielles Engagement über die Kühne-Stiftung abgesichert, und der Stiftungsrat wird die Arbeit im Sinne des Stifters fortführen. Doch ob die Stiftung bereit ist, zusätzliche finanzielle Risiken einzugehen, falls die Kosten bis zur Fertigstellung unerwartet steigen, ist unklar.
Fast drei Jahre nach dem Baustopp sind zwar viele Bausteine für einen Neustart vorhanden – ein finanzstarkes Investorenkonsortium, einen Hotelbetreiber, eine verkleinerte Planung und einen positiven Bauvorbescheid –, doch gebaut wird nach wie vor nicht. Die Hauptprobleme liegen woanders: beim Kaufabschluss mit dem Insolvenzverwalter, bei der Gesamtfinanzierung und beim Streit über das Naturkundemuseum.
Der Rohbau des Elbtowers, der bei 100 Metern Höhe stoppt und im Volksmund nach dem früheren Befürworter Olaf Scholz „der kurze Olaf" genannt wird, bleibt vorerst eine Bauruine in der HafenCity. Die Vision vom dritthöchsten Gebäude Deutschlands droht zu einem der spektakulärsten Immobiliendebakel der Bundesrepublik zu werden – ein Mahnmal für die Fragilität großdimensionierter Stadtentwicklungsprojekte in Zeiten multipler Krisen.
Kühnes weiteres Hamburg-Engagement
Neben dem Elbtower hatte Klaus-Michael Kühne noch andere bedeutende Projekte in seiner Heimatstadt Hamburg unterstützt. Seine Kühne-Stiftung hatte im Februar 2025 angekündigt, den Bau eines neuen Hamburger Opernhauses zu finanzieren – mit mindestens 350 Millionen Euro die höchste private Kultureinzelspende in Deutschland. Die Hamburgische Bürgerschaft billigte den Vertrag zwischen Stadt und Stiftung im November 2025.
Da der Vertrag mit der Stiftung und nicht mit Kühne persönlich geschlossen wurde, ändert sein Tod nichts am Vorhaben. Die endgültige Entscheidung über die Realisierung soll Anfang 2028 fallen, ein Baubeginn wäre ab 2030 möglich. Dass er die Fertigstellung nicht mehr erleben würde, hatte Kühne bereits bei der Vorstellung der Pläne im Sommer 2025 freimütig eingeräumt.
Auch beim Hamburger SV hatte Kühne über mehr als ein Jahrzehnt mit deutlich über 100 Millionen Euro das Sagen. Er rettete den Traditionsklub mehrfach aus finanziellen Nöten und ermöglichte 2015 die Rückbenennung des Stadions in „Volksparkstadion". Der Verein würdigte ihn als „außergewöhnliche Persönlichkeit", die „stets da war, wenn der HSV ihn brauchte".