Einzelhandel im Wandel. Die 2014 begonnene Trendumkehr setzt sich weiter fort, die Handelsumsätze steigen weiter deutlich und werden von besseren Beschäftigungszahlen, höheren Haushaltseinkommen und aufkommendem Verbrauchervertrauen angetrieben.
Der Aufwärtstrend wird jedoch durch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen belastet. Stärker als in allen anderen Marktbereichen führten wirtschaftspolitische Verordnungen zu Verwirrungen und beeinflussten die Marktentwicklung des Einzelhandels massiv. 2015 dürfte der Einzelhandelsumsatz das dritte Jahr in Folge real steigen. Die OECD geht von einer realen Zunahme des ungarischen Privatkonsums um 2,4 Prozent aus und 2016 soll sich eine Expansion um 2 Prozent anschließen (jeweils gegenüber dem Vorjahr). Für neue Projektentwicklungen zeichnet sich aber noch kein Durchbruch ab: Größere Shoppingcenter dürften erst 2017/2018 wieder fertiggestellt werden. Mehrere zurückgestellte Vorhaben bleiben bis auf weiteres „eingemottet“, wie es heißt. In Budapest stehen 770.000 Quadratmeter Verkaufsfläche in 25 Shoppingcentern zur Verfügung; im Rest des Landes sind es 540.000 Quadratmeter in 33 Zentren. Die Versorgungsdichte liegt in Budapest bei 444 Quadratmeter je 1.000 Einwohner. Nach Angaben mehrerer Immobilienberater rechnen Branchenvertreter mit weiteren Einschränkungen für ausländisches Engagement im großflächigen Einzelhandel und auch für Discounter sowie Fachmarktzentren. Ungarns Regierung will die auf inländische Anbieter entfallenden Marktanteile „nachhaltig“ erhöht sehen. Aus dem GKI-Index für das Marktsegment Handelsimmobilien ließen sich im Frühjahr 2015 keine verbesserten Erwartungen ablesen. Folgenreich wird zudem das am 1. Jänner 2015 in Kraft getretene Verlustverbot im Einzelhandel sein. Es gilt für Unternehmen ab einem Jahresumsatz ab 15 Milliarden Forint, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren Verluste eingefahren haben. Diese Grenze ist im Gesetzgebungsprozess zwar erheblich abgesenkt worden (von 50 Milliarden Forint), dürfte aber weiterhin bei inländischen Unternehmen kaum greifen. Zu ersten erzwungenen Geschäftsschließungen kann es demnach 2017 kommen. Im Rahmen der anlaufenden Umstrukturierungsprozesse dürften die Handelsketten mit der Schließung verlustbringender Filialen aber kaum so lange warten. Als Ziel für das Verbot für Einzelhandelsgeschäfte, mehr als zwei Jahre hintereinander Verluste zu machen, führt die Regierung an, „ruinösem Preiswettbewerb“ entgegenwirken zu wollen. Die Branchenriesen hätten dazu die finanzielle Stärke. Bei Neueröffnungen erhalten die Investoren eine Frist von vier Jahren, um in die Gewinnzone zu kommen. Ausnahmen gelten unter anderem für Apotheken, Bäckereien, Tankstellen, Märkte und Messen sowie Geschäfte in Flughäfen und Bahnhöfen. Auch Läden mit einer Verkaufsfläche von bis zu 200 Quadratmetern fallen nicht unter das Verbot, wenn sie mindestens zu 20 Prozent in Familienbesitz sind. Gleiches gilt für Geschäfte in der Umgebung von Unesco-Weltkulturerbestätten. In diesen Gebieten, die sich vor allem auf die Hauptstadt Budapest konzentrieren, dürfen allerdings seit Anfang 2015 keine Discountläden, Hyper- und Supermärkte mehr eröffnen. Die bereits bestehenden Märkte müssen bis spätestens 1. Jänner 2018 geschlossen werden. Die komplexen und offensichtlich maßgeschneiderten Regelungen hebeln nach Ansicht von Branchenanalysten erneut marktwirtschaftliche Wettbewerbskriterien aus. Erste Folge des neuen Ladenschlussgesetzes dürfte ein Personalabbau sein. Verbandsberechnungen gehen von 15.000 bis 20.000 wegfallenden Stellen aus. Hypermärkte erzielen in Ungarn durchschnittlich 14,5 Prozent ihrer Umsätze am Sonntag. Bei der französischen Outdoor- und Sportartikelkette Decathlon ist es ebenso wie bei Ikea sogar rund ein Fünftel. Verbreitet sind auch sonntägliche Einkäufe in Baumärkten. Gewinner durch die am Sonntag geschlossenen Geschäfte verspricht der Onlinehandel zu werden. Nach Ansicht des ungarischen Wirtschaftsministeriums fallen Auslieferungen bei Onlinegeschäften zwar unter das Verkaufsverbot an Sonn- und Feiertagen sowie unter das Einzelhandelsverbot von 22.00 bis 6.00 Uhr. Die Frage gilt jedoch noch nicht als abschließend geklärt. Verbreitet ist in Ungarn das Abholen von elektronisch gekauften Waren in Webshops. Von diesen haben nun einige angekündigt, verstärkt in Abholautomaten - auch gekühlte - investieren zu wollen. Auf die Großen in der Branche kommen durch die stark erhöhte Abgabe für die Lebensmittelsicherheit zum 1. Jänner 2015 erhebliche neue finanzielle Belastungen zu. Die sogenannte Gebühr für die Aufsicht über die Lebensmittelkette bemisst sich am Umsatz. Von 500 Millionen bis 50 Milliarden Forint liegt der Satz bei 0,1 Prozent. Er steigt für jede weitere Umsatzstufe von 50 Milliarden Forint um rund einen Prozentpunkt und erreicht ab einem Jahresumsatz von 300 Milliarden Forint sein Maximum von 6 Prozent. Für die Nummer zwei am Markt, die österreichische Spar-Kette, soll sich die Abgabe zum Beispiel von bisher jährlich rund 325 Millionen Forint auf 9 Milliarden Forint erhöhen. Bei Shoppingcentern gibt es aufgrund des seit 2012 geltenden „Plaza Stopp“, das den Neubau oder die Erweiterung von Handelsimmobilien mit über 300 Quadratmetern ursprünglich grundsätzlich untersagte, sehr geringe Flächenzuwächse. Nach einer Modifizierung und Entschärfung der Gesetzeslage Ende 2014 sind neue Projekte wieder möglich, allerdings muss die zuständige Behörde die Errichtung von Einzelhandelsgeschäften mit über 400 Quadratmetern Fläche in einem eigenen Verfahren freigeben. Die Gesamtflächenmenge von Shoppingcentern steht bei 1,36 Millionen Quadratmetern, davon 770.000 in 25 Zentren alleine in Budapest, das mit einer Dichte von 444 Quadratmetern pro 1.000 Einwohnern (Wien weist mit 535 Quadratmetern pro 1.000 Einwohner ein leicht höheres Niveau auf) deutlich über der Dichte von Rest-Ungarn mit 138 Quadratmetern pro 1.000 Einwohner liegt. Drei Entwicklern (ECE, Echo Investment und Futurreal) ist es gelungen, Ausnahmegenehmigungen für ihre Shoppingcenter-Projekte zu bekommen. Aquincum Center (55.000 Quadratmeter), Etele City Center (43.000 Quadratmeter) und das Mundo SC (37.500 Quadratmeter) liegen alle im Stadtgebiet von Budapest und werden frühestens im Jahr 2017 eröffnet werden. Bis dahin sind weder in Budapest noch in den anderen größeren Städten Ungarns nennenswerte Flächenzuwächse zu erwarten. Am deutlichsten sind die Mieten in den exklusiven Lagen von Budapest gestiegen. Mieten im Bereich von 80 bis 100 Euro pro Quadratmeter und Monat sind keine Seltenheit mehr. Erstmals seit dem Absturz zeigen auch die regionalen Märkte deutliche Anzeichen steigender Mieten.