Shared Mobility trifft Wohnbau

Wie Stefan Melzer (MO.Point) und Carina Brachner (Pocket House) Quartiere neu denken
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Shared Mobility trifft Wohnbau
© KatharinaSchiffl

Mobilitätskonzepte und digitales Gebäudemanagement wachsen im österreichischen Wohnbau zunehmend zusammen. Zwei Unternehmen, die diesen Ansatz konsequent verfolgen, sind MO.Point als Mobilitätsplanungsbüro und Shared-Mobility-Betreiber und Pocket House als Planungs- und PropTech-Unternehmen. Beide teilen nicht nur Büroräume in der Niederhofstraße, sondern auch Kunden, Projekte und eine gemeinsame Schnittstellenstrategie. Im Gespräch erläutern die Vertreter beider Unternehmen, was funktionierende MO.Points im Wohnbau brauchen, wo Projekte scheitern und welche Services künftig in der Pipeline sind.

 

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen MO.Point und Pocket House entstanden?

Stefan Melzer (MO.Point): Wir sind 2019 aus dem 16. Bezirk in die Niederhofstraße übersiedelt und haben dort Pocket House als Büronachbarn kennengelernt. Über die Jahre hat sich eine enge Zusammenarbeit entwickelt, weil wir sehr viele Projektpartner und Auftraggeber gemeinsam haben. Unsere Themen spiegeln sich immer wieder, und wir kommen gemeinsam gut voran.

Als Mobilitätsplanungsbüro sind wir bereits bei Bauträgerwettbewerben als Projektpartner dabei und betreiben dann oft auch die Angebote vor Ort - wenn wir nur als Betreiber dabei sind kommen wir dann später dazu. 

Carina Brachner (Pocket House): Man kann schon von einer wechselseitigen Unterstützung sprechen. Außerdem haben wir eine direkte Schnittstelle in der Pocket House App zu MO.Point integriert. Mobilitätskonzepte werden bei Projekten oft früh angefragt, und da empfehlen wir uns gegenseitig. Pocket House ist typischerweise in frühen Projektphasen aktiv, etwa bei Bauträgerwettbewerben. MO.Point kommt als Betreiber später dazu.

 

Ab welcher Projektgröße ist ein Mobility Point wirtschaftlich sinnvoll?

Stefan Melzer (MO.Point): Wir haben Kleinstprojekte ab 50 bis 60 Wohneinheiten betrieben, bis hin zu unserem größten Projektgebiet mit rund 3.000 Wohneinheiten, wo wir drei Mobility Points betreiben. Ab der Minimalgröße ist nutzerseitig eine sinnvolle Grundlage gegeben. Infrastrukturseitig braucht es Platz, Strom, Internetanschluss und idealerweise direkten Straßenzugang für den optimalen Zugang und Sichtbarkeit.

 

Muss der Mobility Point zwingend straßenseitig sichtbar sein?

Stefan Melzer (MO.Point): Sichtbarkeit ist ein wichtiger Faktor, aber keine zwingende Voraussetzung. Optimal ist eine erdgeschossige, straßenseitige Lage mit Glasfassade, damit Passanten das Angebot wahrnehmen. Wir haben aber auch Standorte in Fahrradräumen oder weiter hinten im Gebäude. Diese sind dann in der Regel exklusiv für Bewohner, weil die wissen, wo was ist.

 

Wie begegnen Sie den Sicherheitsbedenken, dass Externe ins Gebäude gelangen?

Stefan Melzer (MO.Point): Das ist ein häufig gestelltes Thema. Wir haben ein eigenes Zutrittssystem entwickelt, das über unsere App funktioniert. Nutzer müssen sich mit Führerschein registrieren, Zutritt ist nur bei aktiver Buchung möglich. Gelegenheitsdiebe lassen sich so weitgehend ausschließen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie, aber seit 2016, als wir den ersten Mobility Point in der Perfektastraße eröffnet haben, hatten wir noch keinen einschlägigen Vorfall.

  

Gibt es Altersgrenzen für die Fahrzeugnutzung?

Stefan Melzer (MO.Point): Bei Autos akzeptieren wir aus versicherungstechnischen Gründen keine Probeführerscheine. Bei Fahrrädern gibt es abgestufte Berechtigungsstufen, ab 16 Jahren ist eine Ausleihe möglich. Die Buchung läuft über den registrierten Account, in der Regel der Elternteil, der dann auch für weitere Familienmitglieder buchen kann.

  

Wie wird der Fahrzeugzustand dokumentiert und wer haftet bei Schäden?

Stefan Melzer (MO.Point): Bei Start der Buchung muss der Nutzer in der App angeben, ob Neuschäden vorhanden sind. Schäden können direkt gemeldet werden, das dient auch der eigenen Absicherung. Unser Fuhrpark-Team fährt im Schnitt alle zwei Wochen jeden Standort an, überprüft und reinigt die Fahrzeuge und bringt sie bei Bedarf in die Werkstatt. In Wien betreiben wir derzeit 25 Autos, davon bis auf eines alle Elektrofahrzeuge, inklusive Transporter.

  

Welche Faktoren entscheiden über Erfolg oder Misserfolg eines Standorts?

Stefan Melzer (MO.Point): Der entscheidende Faktor ist die frühzeitige Information der Bewohner. Wir hatten einen Standort in Wien, wo wir zwei Wochen vor Bezug der Anlage beauftragt wurden. Die Bewohner hatten sich bereits mit eigenen Fahrzeugen organisiert, die öffentliche Anbindung war schlecht, und nach zwei Jahren mussten wir den Betrieb einstellen. Positives Gegenbeispiel ist der Marina-Tower-Standort mit rund 500 Wohneinheiten und drei exklusiven Fahrzeugen. Die Autos sind durchgehend sehr gut ausgelastet, begünstigt durch die direkte U-Bahn-Anbindung und dem sehr niedrigen Stellplatzregulativ sowie der Parkraumbewirtschaftung in der Umgebung.

  

Wie unterscheidet sich die Nachfrage zwischen gefördertem und frei finanziertem Wohnbau?

Stefan Melzer (MO.Point): Im frei finanzierten Wohnbau wächst die Nachfrage nach zusätzlichen Services, weil Bauträger sich am Markt differenzieren wollen. Fahrradstationen, Hundewaschanlagen, Sharing-Angebote und Paketboxen sind gefragte Ausstattungsmerkmale. Im geförderten Wohnbau sind solche Leistungen oft bereits durch Bauträgerwettbewerbe und städtische Vorgaben definiert. Dort ist weniger Flexibilität gegeben, aber die Grundausstattung ist qualitativ hochwertig.

  

Welche Rolle spielen Gemeinschaftsräume in Ihrem Konzept, und wie werden diese verwaltet?

Carina Brachner (Pocket House): Wir unterscheiden zwischen exklusiven Gemeinschaftsräumen für Bewohner, die über die Pocket House App buchbar sind, und öffentlich zugänglichen Räumen, die über die deilma App verwaltet werden. Letztere ermöglichen gestaffelte Preismodelle: Bewohner buchen vergünstigt oder kostenlos, externe Nutzer zum Standardtarif. Das Konzept wird etwa im Village Kiosk und im Salon Rote Emma umgesetzt, wo Events wie Vernissagen, Yogakurse und Kindergeburtstage stattfinden.

  

Welche weiteren Serviceleistungen sind in der Pipeline?

Carina Brachner (Pocket House): Wir haben Paketboxen bereits in die Pocket House App integriert, inklusive der Möglichkeit, Pakete zu versenden. Eine Idee, die ich persönlich für sehr sinnvoll halte, ist eine digitale Tauschbörse: Bewohner könnten Gegenstände wie Bohrmaschinen, Werkzeug oder Sportgeräte anbieten, verleihen oder verkaufen. Das entspricht einem realen Bedarf, den ich täglich in Hausgemeinschaften beobachte.

Stefan Melzer (MO.Point): Paketboxen in Mobility Points sind ebenfalls ein naheliegendes Add-on. Die Infrastruktur ist ohnehin vorhanden, und die Kombination mehrerer Sharing-Konzepte an einem Standort senkt die Hemmschwelle für die Nutzung. Wer mit einem Service positive Erfahrungen gemacht hat, probiert das benachbarte Angebot eher aus.

 

Pocket House hat zuletzt den Digitalpionier Award in Deutschland gewonnen. Wie entwickelt sich der deutsche Markt?

Carina Brachner (Pocket House): Der Award war ein wichtiges Signal, zumal damit die Nominierung für den PropTech Germany Award einhergeht, dessen Verleihung am 10. September in Frankfurt stattfinden wird. In München sind wir bereits an mehreren Standorten aktiv, in Berlin ist ein Projekt in Anbahnung. Der deutsche Markt entwickelt sich gut. Mein persönliches Highlight der letzten Wochen ist aber der Village Kiosk hier vor Ort: Er ist seit sechs, sieben Wochen in Betrieb und bereits sehr gut ausgelastet.

 

Wie groß sind die Teams, und wie ist die Wartung organisiert?

Stefan Melzer (MO.Point): Wir sind sieben Personen in Wien. Was wir nicht selbst abdecken, vergeben wir an externe Dienstleister: Fuhrparkservice, Waschstraßen, lokale Fahrradservicebetriebe. Diese erhalten einen Firmenaccount in unserer App, verrechnen uns ihre Leistungen, und wir müssen keine eigenen Mitarbeiter in ganz Österreich vorhalten. Das ist deutlich effizienter.

Carina Brachner (Pocket House): Auch wir arbeiten schlank mit externen Partnern. Das erlaubt uns, Projekte in Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg Stuttgart und München zu betreuen, ohne die Fixkostenstruktur überproportional zu skalieren.

Stefan Melzer (MO.Point): Forschungsprojekte mit der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG, der Stadt Salzburg und dem Energieinstitut Vorarlberg ergänzen das operative Geschäft und helfen, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.