In London „entdeckt“, „weiterentwickelt“ im New Yorker Stadtteil SoHo, wird Gentrifizierung heute so ziemlich überall beklagt: in Paris, Berlin und San Francisco, von Boston bis Seattle und von Kapstadt bis Seoul. Gentrifizierung ist überall, auch wenn niemand genau weiß, was es ist.
Erklärt wird Gentrifizierung üblicherweise als Verdrängung armer Bevölkerungsschichten durch reichere. Menschen wandern in ein Stadtviertel zu, Mieten steigen, die arme, ansässige Bevölkerung kann sich diese Mieten nicht mehr leisten und muss fortziehen. Dabei läuft der Prozess in Stufen ab. Zuerst sind es junge Künstler und marginalisierte Kreative, die sogenannten „Pioniere“, die das abgewohnte Viertel entdecken. Angezogen werden sie gerade von den niedrigen Mieten und auch von leer stehenden Gebäuden wie Lagerhallen und Fabriken, für die sie alternative Verwendungsmöglichkeiten sehen. Gemeinsam mit hippen Lokalen und trendigen Cafés geben sie dem Viertel ein neues Flair. Das bleibt natürlich auch anderen Bewohnern der Stadt nicht verborgen. Die den Künstlern folgenden Gentrifizierer investieren gezielt in das Viertel. Sie kaufen Wohnungen und Häuser auf, renovieren sie für eine zahlungskräftigere Klientel und treiben so – teilweise als „self-fulfilling prophecy“ – die Immobilienpreise und die Mieten in die Höhe. Sie vertreiben die alteingesessene Bevölkerung, die das Viertel geprägt hat, und die Pioniere auch gleich mit.
Diese Geschichte hat einiges für sich. Das Problem ist nur, dass sie keine präzise Definition bietet und vor allem keine klare Abgrenzung zwischen der „bösen“ Gentrifizierung und der ganz normalen und wünschenswerten Weiterentwicklung der Stadt. Und so muss jeder, dem irgendeine Veränderung in der Stadt gerade nicht passt, nur laut genug „Gentrifizierung“ rufen, um Mitstreiter um sich zu scharen und politische Unterstützung zu mobilisieren. Für den verstorbenen Berliner Soziologen Hartmut Häußermann war „Gentrifizierung“ zu einem „politischen Kampfbegriff“ geworden, der sich prima dem politischen Gegner um die Ohren schlagen ließ, der wissenschaftlich aber ziemlich nutzlos geworden war.
In der politischen Diskussion ist das Totschlagargument „Gentrifizierung“ sogar ziemlich gefährlich. Denn mit ihm lässt sich jede Veränderung in einem Stadtviertel torpedieren, ja sogar verhindern. Dann bleibt aber nicht alles so, wie es gerade ist, sondern der gegenteilige Prozess, jener der „Verslumung“, setzt ein: niemand ist mehr bereit, in das Viertel zu investieren; Bausubstanz und öffentliche Infrastruktur verfallen; die Wohnverhältnisse verschlechtern sich, einkommensstärkere Bevölkerungsgruppen wandern ab und werden durch noch ärmere ersetzt. Mehr und mehr Geschäfte schließen, weil sie nicht genügend Nachfrage finden, Gebäude stehen leer, verfallen, dienen als Unterschlupf für kriminelle Aktivitäten und ziehen so das Image des Viertels immer weiter nach unten.
Diesen Verfallsprozess umzukehren ist politische Schwerstarbeit. Da ist es doch klüger zu akzeptieren, dass eine lebendige Stadt sich fortlaufend ändern muss. Diese Veränderung aber verlangt Investitionen, die ohne Anreize nicht passieren werden. Die möglichen sozialen Nebenwirkungen erträglich zu gestalten ist dann auch eine der Aufgabe der Sozialpolitik.