Die österreichische Immobilien- und Bauwirtschaft steckt in der Krise. Seit 2021 sind rund 25.000 Arbeitsplätze verschwunden – und weitere 25.000 könnten in den nächsten Jahren folgen. Der Grund: Banken müssen bei Immobilienkrediten immer mehr Sicherheitsreserven anlegen, was Bauprojekte erschwert und verteuert. Die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) fordert jetzt ein Umdenken.
Hinter dem sperrigen Begriff Systemrisikopuffer steckt eine Regel der Finanzmarktaufsicht (FMA): Banken müssen bei gewerblichen Immobilienkrediten einen bestimmten Prozentsatz ihres Kapitals als Puffer zurückhalten. Dieser Puffer soll bis Juli 2027 auf 3,5 Prozent steigen. Das klingt technisch – hat aber direkte Folgen: Wer eine Wohnung bauen will, bekommt schwerer einen Kredit. Wer keinen Kredit bekommt, baut nicht. Und wer nicht baut, schafft keine Arbeitsplätze.
„Die FMA verkennt, dass übermäßig restriktive Finanzierungsbedingungen längst nicht mehr nur die Immobilienbranche treffen, sondern auch Wertschöpfung und tausende Arbeitsplätze entlang der gesamten Bau- und Immobilienwirtschaft gefährden.“—Roman Oberndorfer, Obmann des Fachverbandes der Immobilien- und Vermögenstreuhänder
Besonders scharf reagiert Hans Jörg Ulreich, Berufsgruppensprecher Bauträger im selben Fachverband. Er rechnet vor, was die Zahlen bedeuten: „Wir reden über 25.000 Menschen, deren Arbeitsplätze bereits verschwunden sind, und über weitere 25.000, die um ihre berufliche Zukunft bangen müssen.“
Trotzdem erklärt die FMA, ihre Maßnahmen belasteten die Bautätigkeit nicht. Auf die Frage, ob der Systemrisikopuffer den Wohnungsbau bremse, die Wohnungsknappheit verschärfe oder die Mieten antreibe, lautet die offizielle Antwort der Behörde: „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte.“ Ulreich hält dagegen: „Man fragt sich mittlerweile, wie viele Arbeitsplätze noch verloren gehen müssen, bevor diese Behörde und Finanzminister Marterbauer die wirtschaftliche Realität zur Kenntnis nehmen und letzterer endlich handelt.“
WIFO warnt – FMA widerspricht
Das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO hat die Lage im Juli untersucht und kommt zu einem klaren Ergebnis: Der sektorale Systemrisikopuffer belastet die ohnehin schwache Baukonjunktur zusätzlich und kann sogar die Mieten in die Höhe treiben. Die Studienautoren empfehlen gezielte Maßnahmen bei einzelnen Banken statt pauschaler Verschärfungen für die gesamte Branche.
Die FMA widerspricht dieser Einschätzung. Für Ulreich ist das unverständlich: „Wenn das WIFO vor den Folgen einer Maßnahme warnt und die zuständige Behörde diese Warnungen mit einem lapidaren Satz vom Tisch wischt, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Eine Aufsichtsbehörde darf nicht so tun, als hätte ihre Regulierung keinerlei Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Menschen, die hinter den Zahlen stehen.“
Sichere Banken bauen keine Wohnungen
Oberndorfer betont, dass niemand ein stabiles Bankensystem infrage stellt. Aber er setzt einen klaren Rahmen: „Die Stabilität von Banken kann nicht isoliert von der Stabilität unserer Unternehmen, der Beschäftigung und der Wohnraumversorgung betrachtet werden.“
Ulreich bringt es noch direkter auf den Punkt: „Was nützt uns ein bis ins letzte Detail abgesichertes Bankensystem, wenn die Unternehmen, die Wohnungen bauen sollen, keine Finanzierung mehr bekommen? Banken können noch so sicher sein – sie bauen keine einzige Wohnung und schaffen keinen einzigen Arbeitsplatz auf einer Baustelle.“
Die Folgen einer weiter schrumpfenden Bautätigkeit zeichnen sich bereits ab: weniger neue Wohnungen, weniger Aufträge für Bau- und Handwerksbetriebe, weitere Jobverluste und langfristig steigende Wohnkosten. Ulreich fasst das Dilemma zusammen: „Wir diskutieren täglich darüber, wie Wohnen wieder leistbarer werden soll. Gleichzeitig halten wir an Rahmenbedingungen fest, die notwendige Investitionen erschweren und damit das Wohnungsangebot zusätzlich unter Druck setzen. Das ist keine nachhaltige Wohnbaupolitik.“
Was die Branche jetzt fordert
Der Fachverband der Immobilien- und Vermögenstreuhänder verlangt eine sofortige Überprüfung der bestehenden Kreditregeln – insbesondere des sektoralen Systemrisikopuffers und seiner geplanten weiteren Anhebung. Ziel soll eine Kreditvergabe sein, die sowohl die Stabilität des Finanzsystems als auch die wirtschaftliche Realität des Wohnungsbaus berücksichtigt.
Oberndorfer stellt klar: „Wir brauchen keine Entscheidung zwischen sicheren Banken und sicheren Arbeitsplätzen. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die beides ermöglichen.“ Ulreich schließt mit einem eindringlichen Appell: „25.000 verlorene Arbeitsplätze sollten Warnung genug sein. Wenn weitere 25.000 gefährdet sind, ist es höchste Zeit, den Menschen und nicht die Bank an erste Stelle zu stellen.“