Deutschland plant, seine Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 mindestens zu verdoppeln — für Künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechnen soll sich die Rechenleistung sogar vervierfachen. So sieht es die im März 2026 veröffentlichte Nationale Rechenzentrumsstrategie vor. Strom und Fläche stehen dabei im Fokus der öffentlichen Debatte. Doch ein zweiter Faktor gewinnt an Gewicht: Wasser.
„Neben Strom wird künftig auch Wasser darüber entscheiden, wo und wie sich Rechenzentren wirtschaftlich und nachhaltig betreiben lassen.“—Mathias Franke, Leiter Data Center Consulting beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE
Für das Jahr 2024 weisen die verfügbaren Meldungen deutscher Rechenzentren einen Wassereinsatz von schätzungsweise 1,85 Milliarden Litern aus. Wie hoch der tatsächliche Bedarf aller Anlagen ist, lässt sich daraus nicht ableiten: Die Daten bilden nur einen Teil des Marktes ab. Seit 2024 sollen europäische und nationale Meldepflichten für mehr Transparenz sorgen. Eine europäische Datenbank erfasst Energie- und Nachhaltigkeitskennzahlen meldepflichtiger Rechenzentren, darunter den Wassereinsatz und die Water Usage Effectiveness (WUE) — sie gibt an, wie viel Wasser ein Rechenzentrum im Verhältnis zum Energieverbrauch seiner Informationstechnik benötigt. Erfasst werden jedoch nur Anlagen ab bestimmten Leistungsschwellen, und nicht aus allen Mitgliedstaaten liegen vollständige Meldungen vor.
Wie lückenhaft die Datengrundlage hierzulande ist, zeigt das Berichtsjahr 2025: Bis Anfang Juli 2026 hatten nach den verfügbaren Monitoringdaten 482 von schätzungsweise rund 1.000 meldepflichtigen deutschen Rechenzentren Daten übermittelt.
Indirekter Wasserbedarf bleibt unsichtbar
Die WUE bildet den indirekten Wasserbedarf für die Stromerzeugung und die Herstellung der IT-Hardware nicht ab. Wie groß allein dieser indirekte Anteil sein kann, zeigt eine Schätzung der Internationalen Energieagentur: Sie geht von einem globalen Wasserbedarf im Jahr 2023 von mehr als 500 Milliarden Litern aus. Davon entfielen der Modellierung zufolge rund 140 Milliarden Liter auf den unmittelbaren Betrieb der Anlagen und etwa 373 Milliarden Liter auf die Bereitstellung des benötigten Stroms. Der Wasserfußabdruck eines Rechenzentrums reicht damit weit über das jeweilige Betriebsgelände hinaus — und hängt maßgeblich davon ab, aus welchen Quellen der Strom stammt.
PUE-Optimierung kann die Wasserbilanz belasten
Das Energieeffizienzgesetz schreibt für Rechenzentren, die seit dem 1. Juli 2026 neu in Betrieb gehen, einen PUE-Wert von höchstens 1,2 vor. Die Power Usage Effectiveness misst den Gesamtenergiebedarf im Verhältnis zur eigentlichen IT-Leistung: Ein Wert von 1,2 bedeutet, dass für 100 Kilowattstunden IT-Verbrauch höchstens weitere 20 Kilowattstunden für Kühlung, Stromverteilung und technische Infrastruktur anfallen dürfen. Zusätzlich verpflichtet das Gesetz Betreiber, einen Teil der entstehenden Abwärme nutzbar zu machen.
Doch ein niedriger PUE-Wert und eine günstige Wasserbilanz schließen sich nicht selten aus.
„Was aus Sicht der Energieeffizienz sinnvoll erscheint, kann die Wasserbilanz belasten. Ein Rechenzentrum mit trockener Rückkühlung hat ein niedrigeres Wasserprofil als eine Anlage, die Verdunstungskühlung einsetzt.“—Mathias Franke
Verdunstungsbasierte Systeme geben Wärme mit geringem Stromaufwand ab, verbrauchen dabei aber Wasser. Trockene Rückkühler vermeiden solche Verluste weitgehend, benötigen bei hohen Außentemperaturen jedoch häufig mehr Strom und größere Rückkühlflächen. Welches System ökologisch sinnvoller ist, entscheidet sich anhand von Klima, Wasserverfügbarkeit, Strommix, Lastprofil und der Möglichkeit, Abwärme zu nutzen.
Regulierung: Meldepflicht, aber kein verbindlicher Grenzwert
Für den Wasserverbrauch von Rechenzentren existiert in Europa und Deutschland bislang kein gesetzlich verbindlicher Effizienzgrenzwert, der mit den Vorgaben zur Energieeffizienz vergleichbar wäre. Meldepflichtige Betreiber müssen zwar Angaben zu WUE und Wassereinsatz machen, doch welche Werte unter welchen Bedingungen als nachhaltig gelten, bleibt bislang nicht abschließend definiert. Der Grund liegt in der Komplexität der Bewertung:
„Ein Liter Trinkwasser in einer trockenen Region ist ökologisch anders zu bewerten als ein Liter aufbereitetes Abwasser oder Sanierungswasser, das nach dem Wärmeaustausch wieder zurückgeführt wird.“—Mathias Franke
Die Europäische Kommission arbeitet deshalb an einem EU-weiten Bewertungssystem und an Mindestanforderungen für Rechenzentren; eine entsprechende Studie läuft bis Ende 2027. Künftig sollen neben dem Energieverbrauch auch Wasserfußabdruck, Nutzung erneuerbarer Energien und Abwärmenutzung stärker berücksichtigt werden. Ein verpflichtendes Nachhaltigkeitslabel soll Energie- und Wassereffizienz von A bis G bewerten und Anlagen ab 500 Kilowatt erfassen, wobei Mitgliedstaaten niedrigere Schwellen festlegen können. Auch der Cloud and AI Development Act verknüpft Förderung und vereinfachte Genehmigungen mit dem Nachweis der Wassereffizienz.
Branchenpakt: Freiwillige Selbstverpflichtung unter Druck
Mit dem Climate Neutral Data Centre Pact haben sich mehr als 100 Betreiber freiwillig zu höherer Wassereffizienz verpflichtet; sie stehen für rund 85 Prozent der europäischen Rechenzentrumskapazität. Neue Rechenzentren in kühlen, zugleich wasserarmen Regionen dürfen seit 2025 bei Kühlung mit Trinkwasser eine WUE von maximal 0,4 Litern pro Kilowattstunde aufweisen. Für Bestandsanlagen gilt dieser Wert spätestens beim Austausch der Kühlsysteme bis 2040. Die Bandbreite der veröffentlichten WUE-Werte reicht von etwa 0,1 Litern pro Kilowattstunde an günstigen Standorten bis zu mehr als 1,5 Litern in heißen und trockenen Regionen.
Vergleiche bleiben aufgrund unterschiedlicher Berechnungsmethoden nur bedingt aussagekräftig. Ob ein Rechenzentrum den Zielwert erreicht, entscheidet sich außerdem eher in der Planung als im Betrieb: Die Kennzahl spiegelt vor allem die Wahl des Kühlsystems. 2023 legten 64 Betreiber entsprechende Prüfungen vor und repräsentierten damit knapp 75 Prozent der europäischen Rechenzentrumskapazität. 2025 stellte die Initiative die externe Prüfung jedoch ein und verweist seither auf die gesetzlichen Berichtspflichten.
Praxisbeispiel incampus Ingolstadt: Kühlung, Sanierung und Abwärme als Gesamtsystem
Wie sich Kühlung, Energieversorgung und Abwärmenutzung als integriertes System planen lassen, zeigt der incampus in Ingolstadt. Auf dem 75 Hektar großen Gelände einer ehemaligen Raffinerie haben Audi und die Stadt Ingolstadt einen Technologiepark entwickelt. Da Rückstände im Boden bis heute ins Grundwasser gelangen können, pumpen zehn Brunnen stündlich bis zu 200 Kubikmeter belastetes Wasser ab und reinigen es. Dieses für die Altlastensanierung ohnehin geförderte Grundwasser wird nicht nur gereinigt, sondern auch thermisch genutzt: Über Wärmetauscher lässt sich seine über das Jahr weitgehend konstante Temperatur zum Heizen und Kühlen des Campus einsetzen. Nach der Reinigung versickert das Wasser wieder; Grundwasser und technische Kreisläufe bleiben dabei vollständig voneinander getrennt.
Das Rechenzentrum des Campus nahm 2022 den Betrieb auf und ist in dieses standortweite Energiesystem eingebunden. Es speist seine Abwärme in das Niedrigtemperaturnetz ein; Erzeugung und Nutzung werden über Wärmepumpen und thermische Speicher miteinander verknüpft. Für die Wasserbilanz ist das ein entscheidender Unterschied zu verdunstungsbasierten Kühlsystemen: Das Wasser wird thermisch genutzt, geht aber nicht verloren. So entstehen rund 1,5 Megawatt Heiz- und Kühlleistung aus einem Wasserstrom, der für die Altlastensanierung ohnehin gefördert werden muss. Drees & Sommer begleitete Audi beim Inbetriebnahmemanagement und bei den Integrationstests und prüfte, ob Rechenzentrum, Pumpen, Wärmetauscher, Wärmepumpen, Speicher und Leitungsnetz unter unterschiedlichen Betriebsbedingungen als Gesamtsystem funktionieren.
Der incampus lässt sich nicht eins zu eins auf andere Standorte übertragen. Übertragbar ist jedoch das Grundprinzip: Kühlung, Wasserverfügbarkeit, Energieversorgung und Abwärmenutzung von Beginn an gemeinsam zu planen und als Gesamtsystem zu betrachten.
Wasser als Genehmigungsrisiko: Internationale Signale
Der Druck zu handeln wächst. Mit steigenden Temperaturen wird die Wasserverfügbarkeit zunehmend zum wirtschaftlichen Risiko: Hitze erhöht den Kühlbedarf, während Dürreperioden und lokale Entnahmebeschränkungen das Angebot verknappen. Analysen zeigen, dass sich viele große Rechenzentrumsstandorte bereits heute in Regionen mit erhöhtem Hitze- oder Dürrestress befinden.
Wie schnell Wasser vom Planungsdetail zum Genehmigungsrisiko wird, zeigen internationale Beispiele. Im US-Bundesstaat New York wurden staatliche Umweltgenehmigungen für neue Hyperscale-Rechenzentren vorübergehend ausgesetzt, um einen einheitlichen Prüfrahmen für Wasser-, Energie- und Umweltauswirkungen zu entwickeln. Im wallonischen Farciennes lehnte die zuständige Regionalregierung Googles Antrag ab, ein ursprünglich luftgekühltes Rechenzentrum künftig mit Wasser aus der Sambre zu kühlen — ausschlaggebend waren unter anderem die veränderte hydrologische Lage, Dürreperioden und das Vorsorgeprinzip.
Beide Fälle sind nicht unmittelbar auf Deutschland übertragbar. Sie zeigen jedoch, dass Behörden Rechenzentren zunehmend nach ihren Auswirkungen auf die gesamte Region beurteilen.
„Kommunen können über Bebauungspläne oder Genehmigungen Vorgaben für die Kühlung von Rechenzentren machen und beispielsweise den Einsatz von Trinkwasser ausschließen. Früher standen bei der Standortsuche vor allem Grundstück, Strom und Glasfaser im Mittelpunkt. Heute müssen wir auch prüfen, welches Kühlsystem zur örtlichen Wasserlage passt, ob es in zehn oder zwanzig Jahren noch tragfähig ist und ob sich für die Abwärme ein Abnehmer findet“, sagt Junker.—Peter Junker, Diplom-Elektroingenieur und Associate Partner bei Drees & Sommer
Wasser entwickelt sich damit vom nachgeordneten Betriebsparameter zum zentralen Standortfaktor — mit direkten Auswirkungen auf Genehmigungsfähigkeit, Betriebskosten und langfristige Investitionssicherheit. Wer Rechenzentren plant, muss Kühlsystem, Wasserverfügbarkeit und Abwärmenutzung von Beginn an als