Eustelle setzt auf Offene Modelle und eigenes Nachtraining
„In den USA wird gerade die Ära der Superintelligenz ausgerufen. Europa darf dabei nicht zuschauen."
Planung und Gebäudebetrieb arbeiten längst mit digitalen Modellen. Auf der Baustelle selbst seien dagegen höchstens zehn Prozent der Daten digital lesbar, schätzt Sigrid Brell-Cokcan, Director of Individualized Production, RWTH Aachen University – President of the Association for Robots in Architecture. Diese Lücke erschwert den Einsatz von Roboter und KI, obwohl die Technik vielfach einsatzbereit ist. Wie die Bauwirtschaft sie schließen kann, diskutierten rund 250 Teilnehmende vor Ort und online bei der Jahrestagung Bau am 20. Oktober. Austrian Standards richtete die Tagung im Rahmen des „We Norm The Future Summit 2026“ aus. Kooperationspartner war die Bundesinnung Bau der Wirtschaftskammer Österreich.
„Die Drohne liefert Daten. Der Roboter braucht Daten. Die KI lebt von Daten. Solange jede dieser Lösungen ihre eigene Sprache spricht, bleibt sie eine Insel.“—Thomas Mühl - Director Standards bei Austrian Standards
Normen sollen diese Sprache vereinheitlichen. Mühl verwies auf SMART Standards, also Normen in maschinenlesbarer Form, deren Inhalte von Software, BIM-Modellen und KI-Systemen verarbeitet werden können. Damit wird die Normung zunehmend selbst Teil der digitalen Infrastruktur.
„Eine neue Technologie allein löst noch kein Problem auf der Baustelle. Sie muss praxistauglich sein, sie muss wirtschaftlich sein, und sie muss zuverlässig in den bestehenden Planungs-, Bau- und Betriebsprozess integrierbar sein.“—Karl Glanznig - Geschäftsführer Glanznig Bau und Vorsitzender des Baunormen-Ausschusses bei Austrian Standards
Normen sollen dafür Schnittstellen schaffen, ohne neue Hürden aufzubauen.
Was heute schon funktioniert
Brell-Cokcan betreibt mit ihrem Team seit sechs Jahren eine Testbaustelle der RWTH. Dort wird untersucht, wie Maschinen zusammenarbeiten und Roboter bestelltes Material zum Einbauort bringen können. Künftig sollen Roboter auch Arbeitsschritte über Nacht vorbereiten. Voraussetzung dafür ist eine stabile WLAN-Verbindung auf der Baustelle, die schon bei der Baustellenplanung eingeplant werden muss.
Kamil Lagun, Geschäftsführer von AeroSurvey Solution, zeigte die Drohneninspektion der Wiener Laurentiuskirche. Die Erfassung brauchte rund eine Stunde Arbeitszeit und lieferte etwa 1.600 Fotos. Mithilfe der Bild- und Positionsdaten lassen sich Schadstellen auf rund einen Meter genau verorten. Sanierungsfirmen können anschließend gezielter vorgehen, ohne das gesamte Gebäude für die Schadenssuche einrüsten zu müssen.
Eduard Artner, Leitung Geschäftsfeld 3D Betondruck bei Baumit Austria, berichtete vom 3D-Betondruck. Gedruckte Hohlkörper in der Transferdecke eines Salzburger Wohnbaus sparen, laut seinen Angaben, jeweils rund 40 Prozent Bewehrungsstahl und Beton. Bei einem weiteren Projekt in Salzburg entstand wurde eine Nasszelle in sechs Stunden direkt vor Ort gedruckt.
Im Bestand fehlen die Daten
Schwieriger wird es bei bestehenden Gebäuden. Christian Oswald, Direktor ROBOTICS von Joanneum Research, arbeitet an Verfahren für die serielle Sanierung mit vorgefertigten Fassadenelementen. Ziel ist es, die Bauzeit vor Ort auf ein bis zwei Tage Bauzeit pro Wohnung zu reduzieren, während die Bewohner:innen in ihren Wohnungen bleiben können. Eine erste Lehre aus dem Projekt: Gebäude sind individueller als angenommen, und alte Bestandspläne stimmen nicht immer mit dem tatsächlichen Zustand überein.
Im Podium zum Gebäudebetrieb bestätigte Gregor Glatz, Gebäudetechnikexperte und Niederlassungsleiter Siemens Niederösterreichbei, den Bedarf an verlässlichen Daten. Die Technik für weitgehend autonom gesteuerte Gebäude sei vorhanden, im Bestand fehlten häufig aber Zähler, Sensoren und die nötigen Daten. Welches Potenzial darin liegt, zeigte Kevin Bauer-Hentschke, Gründer & Geschäftsführer von Wohnio. Sein Unternehmen habe durch die datenbasierte Optimierung von Heizungsanlagen im mehrgeschossigen Wohnbau im Vorjahr durchschnittlich rund 18 Prozent Energie eingespart, berichtete Bauer-Hentschke. Nach seinen Angaben amortisieren sich die entsprechenden Investitionen bei ihren Projekten in der Regel in weniger als drei Jahren.
Florian Hornyik, BIM-Beauftragter H&I AT bei Strabag, bezeichnete BIM-Anforderungen in Ausschreibungen noch als Ausnahme und erwartet durch KI einen raschen Wandel. Mit ihnen diskutierten Monika Felzmann, Geschäftsführung PEMA Real Estate Service, und Christoph Eichler, CEO VIE Build.
Digitaler Produktpass: Hersteller sollten jetzt beginnen
Die EU bereitet Digitale Produktpässe für Bauprodukte vor. Gemeinsame Standards sollen dafür sorgen, dass Produktinformationen künftig zwischen unterschiedlichen Systemen ausgetauscht und über den gesamten Gebäudelebenszyklus genutzt werden können. Das erleichtert Planung, Sanierung, Rückbau und Wiederverwendung von Materialien. Die Standards für die Umsetzung des DPP sind bereits fertiggestellt, und auch an den ersten produktspezifischen Standards wird bereits gearbeitet, unter anderem für Zement, Fenster und Türen. Otto Handle, Convenor CEN/CENELEC/JTC 24 WG4 Digital product passport - interoperability und Geschäftsführer von inndata Datentechnik, rät Herstellern und Bauschaffenden, ihre Produktdaten und Lieferketten zeitgerecht vorzubereiten. Sein Appell: „Beginnen Sie spätestens heute.“
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