Stadtentwicklung ist ein dynamischer Prozess. In einem der größten Stadtentwicklungsgebiete Österreichs, in Reininghaus, wird dieser gemeinsam vom Verein Stadtteil Graz Reininghaus, den Menschen vor Ort und der Stadt Graz beschritten – mit dem gemeinsamen Ziel der Schaffung eines lebendigen Stadtteils. Ein konkretes Ergebnis dieses Weges ist die Mobilitätsumfrage unter Bewohner und Beschäftigten, die am 7. Mai 2026 präsentiert wurde und die die Grundlage für weitere Maßnahmen und Entwicklungsschritte bildet.
Hohe Beteiligung und großes Interesse
In einer vom gemeinnützigen und politisch unabhängigen Verein Stadtteil Graz Reininghaus initiierten und von verkehrplus ZT GmbH durchgeführten Umfrage wurden die Bewohner:innen und Beschäftigte von Reininghaus zu ihrem Mobilitätsverhalten befragt. Von 23. Jänner bis 27. März 2026 nahmen insgesamt 552 Personen teil und brachten ihr Mobilitätsverhalten, ihre Erfahrungen und Ideen ein. Das entspricht einer Beteiligung von rund zehn Prozent. „Das ist eine außergewöhnlich hohe Beteiligung. Sie zeigt nicht nur das große Interesse und die Bereitschaft zur Mitwirkung, sondern auch, dass Stadtentwicklung ein kontinuierlicher Transformationsprozess ist“, so Alexander Daum, Vorstand Verein Stadtteil Graz Reininghaus und ENW.
Auf großes Interesse stieß auch die Präsentation am 7. Mai in der Tennenmälzerei. Unter den Anwesenden waren Bewohner, Beschäftigte und Vertreter der Stadt Graz.
Die Ausgangslage: Ein ambitionierter Plan wird Realität
Das Thema Verkehr ist in Reininghaus von zentraler Bedeutung. Bereits im Jahr 2010 wurde im vom Grazer Gemeinderat beschlossenen Rahmenplan eine „eingeschränkte Auto-Mobilität“ für den noch zu entstehenden Stadtteil Reininghaus definiert. Gleichzeitig wurde aber dessen Umsetzung genau in diesem „als schwierig eingestuft“. Heute sind in Reininghaus kaum Parkplätze an der Oberfläche sichtbar, geparkt wird in Tiefgaragen. Dadurch wird mehr Platz für sicheres Spielen und Verweilen im öffentlichen Raum geschaffen. Jedes Quartier in Reininghaus verfügt auch über Carsharing-Parkplätze. Ein Ziel der Umfrage war es, zu erheben, wie diese vor über 15 Jahren formulierten Zielsetzungen heute bei den Menschen wahrgenommen werden und wo Nachbesserungsbedarf besteht.
Die Ergebnisse: Hohe Zufriedenheit, überdurchschnittliche ÖV- und Fahrrad-Nutzung
Die Zufriedenheit der Befragten mit ihrem Stadtteil ist hoch: 71 Prozent zeigen sich zufrieden. Zwei Drittel der Befragten stehen einem verkehrsberuhigten Stadtteil klar positiv gegenüber. Reininghaus zeichnet sich durch einen vielfältigen Mobilitätsmix aus. Zwar besitzen rund zwei Drittel der Befragten ein Auto, doch wird dieses nur von etwa einem Viertel täglich genutzt.
Viele Bewohner und Beschäftigte wechseln heute flexibel zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln und nutzen diese regelmäßig. Das betrifft sowohl das Zu-Fuß-Gehen (84 Prozent tun dies mindestens wöchentlich), Öffentliche Verkehrsmittel (72 Prozent), Autos (62 Prozent) oder Fahrräder (54 Prozent). Das Fahrrad weist eine ähnlich hohe Nutzung wie das Auto auf. Car-Sharing wird als sinnvolle Ergänzung wahrgenommen.
Für den Arbeits- oder Ausbildungsweg nutzen 71 Prozent umweltfreundliche Transportmittel: 44 Prozent öffentliche Verkehrsmittel, 22 Prozent das Fahrrad und 5 Prozent gehen zu Fuß. Das Auto liegt mit 27 Prozent deutlich hinter dem Öffentlichen Verkehr. Generell ist die Nutzung des ÖVs in Reininghaus überproportional hoch. Zwei Drittel der Befragten besitzen eine Zeitkarte für den Öffentlichen Verkehr. Auch gibt es beim Einzug in Reininghaus ein Klimaticket pro Haushalt. Die Verkehrsanbindung an die Innenstadt wird überwiegend positiv bewertet und zwar sowohl mit den Öffis (90 Prozent), dem Fahrrad (85) als auch mit dem Auto (58).
„Umso erfreulicher ist, dass das Zukunftsszenario ´verkehrsberuhigter Stadtteil´ die Erwartungen übertroffen hat, in dem der ÖV-Anteil bei 44 und die PKW-Nutzung nur bei 26 Prozent liegt. Gleichzeitig befinden wir uns weiterhin in einem Transformationsprozess, denn der Stadtteil ist vom Verhalten der Menschen vor Ort und von globalen Entwicklungen abhängig“, so Birgit Leinich, Vorstand Verein Stadtteil Graz Reininghaus und ÖSW.
Mobilität im Wandel
Als Reininghaus geplant wurde, sah Mobilität noch anders aus: „Lastenfahrräder waren in österreichischen Städten eine Seltenheit und Roller noch ein Kinderspielzeug. Seither haben sich die Anforderungen an die städtische Mobilität, aber auch das persönliche Mobilitätsverhalten stark verändert“, so Markus Frewein, Geschäftsführer von verkehrplus ZT GmbH. Heute definieren Lastenfahrräder und E-Scooter andere Ansprüche an die Infrastruktur, etwa breitere Radwege. Mobilität ist insgesamt vielfältiger und flexibler geworden.
Von den Ergebnissen zur Umsetzung
Die Ergebnisse bilden die Grundlage für konkrete Maßnahmen. Geplant sind unter anderem ein kommunikatives „Leitsystem“ im Stadtteil (Parken für Besucher:innen bei temporären Erledigungen), das von vielen Befragten gewünscht wurde, sowie die Weiterentwicklung der Esplanade zu einer konsequent autofreien Zone. „Ziel ist es, unerlaubtes Befahren zu verhindern. Ein Punkt, den viele Befragte als störend empfinden und strengere Kontrollen fordern“, so Bettina Thaller, Vorstand Verein Stadtteil Graz Reininghaus und ÖWG.
Zudem wird ein Whiteboard eingerichtet, wo Fragen zu anderen Themen gesammelt und in einer kommenden Veranstaltung behandelt werden. Ab Herbst wird es einen Mobilitätsfolder geben, der alle wesentlichen Informationen zu Themen wie Parkmöglichkeiten, Postabholstationen, etc. enthalten wird und der allen Neu-Zuziehenden ausgehändigt wird. Alle Bewohner:innen sind herzlich eingeladen unter info@reininghausgründe.at ihre Ideen zum Plan einzubringen.
Reininghaus befindet sich weiterhin in einem dynamischen Entwicklungsprozess und zeigt bereits heute, wie die Mobilität der Zukunft funktionieren kann. Unterschiedliche Verkehrsmittel werden flexibel kombiniert und genutzt. Trotz der insgesamt positiven Ergebnisse zeigt die Umfrage auch Spannungsfelder. „Wir sehen in der Parkplatzsituation eine deutliche Diskrepanz zwischen Nutzung des PKWs und dem Bedarf an Stellplätzen. 56 Prozent verfügen über einen solchen, jedoch nur 23 Prozent nutzen ihr Auto täglich. Zudem verteuert die Errichtung von Tiefgaragen den Wohnraum“, so Leinich. „Damit Mobilität und Verkehr gelingen können, braucht es ein Zusammenspiel von Bauträger:innen, der Politik und den Bewohner. Es geht darum die richtigen Hebel zu finden, die den Stadtteil noch lebenswerter und zukunftsfitter machen“, ergänzt Daum.
Das Resümee des Abends und der Umfrage
Reininghaus zeigt, wie Stadtentwicklung gelingen kann, wenn sie als gemeinsamer, dynamischer Prozess verstanden wird. Die Mobilität der Zukunft entsteht hier nicht als fertiges Konzept, sondern im Zusammenspiel von Planung, Nutzung und kontinuierlicher Weiterentwicklung.
Studien und Forschungsvorhaben
Reininghaus ist Case Study im Forschungsvorhaben „Driving Urban Transitions call 2025 – SPARK Sharing Parking and Rides Across Generations“ der TU Graz (Institut für Städtebau), die gemeinsam mit Partnerstädten in Polen, Portugal und Südkorea durchgeführt wird. Regionalis untersucht in Kooperation mit der TU Wien Quartiere mit und ohne Mobilitätsverträge. Auch hier unterstützt der Förderverein Reininghaus die Forschung. Beide Projekte liefern wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung des Verkehrsmanagements in neuen Stadtteilen.