Ulrich Creydt, Steuerberater und Geschäftsführer, Ypsilon Group: „Es ist nicht überraschend, dass die EZB den Zins auf dem bisherigen Niveau belässt. Sie hatte bereits Mitte Juni den Leitzins um 25 Basispunkte erhöht. Seitdem haben sich die wichtigsten wirtschaftlichen Grunddaten kaum verändert. Einzig die Rohöl-Preise sind in den zurückliegenden Tagen wieder stärker gestiegen, seitdem die USA militärisch stärker gegen den Iran vorgehen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Militärschläge vorübergehend oder von Dauer sind. Würde der Irankrieg eskalieren, könnte die deutsche Wirtschaft aufgrund massiver Energiepreiserhöhungen und Lieferkettenbeeinträchtigungen leiden: Inflation und Verbraucherpreise könnten steigen und die EZB könnte bei der nächsten Zinsentscheidung am 10. September die Zinsen anheben. Aktuell aber dominiert eine abwartende Haltung, verbunden mit der Zuversicht, dass die aktuellen geopolitischen Verwerfungen keine Änderung der Geldpolitik erfordern. Stabile Zinsen sind gut für den Immobilienmarkt, der aktuell resilienter ist als gedacht. Trotz vieler geopolitischer Krisen sind die Transaktionszahlen im Investmentbereich im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar gestiegen. “
Steffen Sebastian, Lehrstuhl für Immobilienfinanzierung, IREBS Institut für Immobilienwirtschaft, Universität Regensburg:
„Die Inflation im Euroraum hat sich im Juni auf 2,8 Prozent abgeschwächt, bleibt aber weiterhin deutlich über dem Zielwert von 2,0 Prozent. Nach erneuten Angriffen im Nahen Osten legten die Ölpreise mittlerweile wieder zu, was die Inflation erhöhen dürfte. Die EZB steckt in einem Dilemma: Einerseits will sie vermeiden, dass sich die erhöhte Inflation verfestigt, andererseits will sie die Hoffnung auf ein Wirtschaftswachstum nicht zerschlagen.
Die Zinspause war von den meisten Marktbeobachtern erwartet worden. Für den weiteren Jahresverlauf haben die Swap-Märkte aber ein bis zwei Zinserhöhungen bereits eingepreist. Entscheidend wird sein, wie sich der Krieg im Iran und damit die Energiepreise entwickeln. Doch nicht jede neue Unsicherheit führt zu einem dauerhaft höheren Zinsniveau. “
Francesco Fedele, CEO der BF.direkt AG:
„Auch wenn die EZB in ihrer jüngsten Zinsentscheidung auf Stabilität setzt, werden die langfristigen Zinsen in diesem Jahr sehr wahrscheinlich nicht signifikant sinken. Wir sind nunmehr dauerhaft in einer weltpolitischen Phase der Unsicherheit angekommen. Selbst wenn die Kriege in der Ukraine und dem Iran beendet sind, wird die alte Weltordnung nicht wiederkommen. In diesem Umfeld werden nun die unternehmerischen Entscheidungen getroffen werden müssen. Bei Bestandsfinanzierungen empfehlen wir eine langfristige Zinsfestschreibung, sofern das Projekt hierfür tragfähig ist. Mit der Ansprache der Finanzierungspartner kann man derzeit nicht früh genug anfangen. Da die Banken sehr genau prüfen, ist auch eine sorgfältige und vollständige Aufbereitung der Unterlagen wichtiger denn je. Wer Risikoaufschläge vermeiden will, muss selbst maximale Transparenz liefern. “
Claudius Meyer, Geschäftsführer von CR Investment Management:
„Erwartungsgemäß hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen unverändert gelassen. Diese Entscheidung war vom Markt bereits eingepreist und sorgt für die notwendige Planungssicherheit. Die ausbleibende Zinsänderung ist ein wichtiges Signal für die Stabilisierung des Marktes. Eine weitere Zinserhöhung hätte insbesondere bei Problemimmobilien im Zusammenhang mit anstehenden Refinanzierungen sowie in ohnehin illiquiden Marktsegmenten zusätzlichen Druck erzeugt. Angesichts der bestehenden Herausforderungen ist es positiv, dass die EZB für Kontinuität sorgt und keine weiteren Unsicherheiten schafft."