NHK Rechtsanwälte

Festgefahrene Immobilienprojekte brauchen eine systemische Intervention

Als Meta Ebene macht Systemische Interventionsberatung bestehende Optionen entscheidungs- und umsetzungsfähig
Marlena Wenisch
Marlena Wenisch
Festgefahrene Immobilienprojekte brauchen eine systemische Intervention
© ImmoFokus

Ein Bauvorhaben in guter Lage, zu etwa 70 Prozent fertiggestellt. Die Fenster fehlen, die Baustelle ist verwaist, das Gerüst steht seit Monaten unbewegt. Hinter diesem Bild verbirgt sich kein Einzelfall, sondern ein zunehmend typisches Szenario in einem Markt, der durch Zinswende, Baukosteninflation und regulatorische Komplexität unter Druck geraten ist.

Das prototypische Szenario

Ein Wohnprojekt mit 50 Einheiten. Die Erwerber haben bereits signifikante Kaufpreisanteile geleistet. Der Bauträger ist infolge gestiegener Baukosten und stockender Verkäufe in eine Liquiditätskrise geraten. Er steht unter hohem Druck. Die finanzierende Bank hat weitere Mittel gestoppt. Generalbauunternehmen und Nachunternehmer haben ihre Leistungen eingestellt. Da Forderungen offen sind und der Bauträger nicht zahlt. Parallel dazu verlaufen mehrere, nicht abgestimmte Handlungsstränge. Einzelne Erwerber betreiben Rückabwicklungen. Andere forcieren die Fertigstellung, auch unter Inkaufnahme weiterer Zahlungen. Der Bauträger versucht mit allen Mitteln Zeit zu gewinnen. Die Bank fordert ein tragfähiges Fortführungskonzept. Das Resultat ist ein Zustand, den alle Beteiligten als unhaltbar erkennen. Ein Zustand, der aber dennoch stabil bleibt. Ein vollständiger Stillstand. Die eigentliche Dynamik ist eine rationale Blockade, statt irrationales Versagen. Die intuitive Annahme vieler Beteiligter lautet: „Es fehlt an Einigung oder Kooperationsbereitschaft.“ Doch diese Annahme greift zu kurz. Tatsächlich handelt es sich um ein strukturelles Koordinationsproblem. Bei dieser Art Problem, führen individuell rationale Entscheidungen, im Zusammenspiel, zu einem kollektiv dysfunktionalen Ergebnis.

Die Akteure und ihre nicht kompatiblen Handlungslogiken

Der Bauträger handelt unter erheblichem haftungsrechtlichem Druck und mit eingeschränkter Liquidität. Jede aktive Bewegung kann rechtliche Risiken erhöhen oder verbleibende Optionen verschlechtern. Sein dominantes Motiv ist Risikobegrenzung bei minimalem Handlungsspielraum. Die Finanzierende Bank unterliegt regulatorischen Anforderungen und internen Risikomodellen. Eine Weiterfinanzierung setzt belastbare Strukturen voraus, die aktuell fehlen. Gleichzeitig ist sie ohne Mitwirkung der übrigen Akteure nicht in der Lage, diese Struktur selbst herzustellen. Die Erwerbergemeinschaft ist kein kohärenter Akteur, sondern ein fragmentiertes System divergierender Interessenlagen. Welches zudem emotional massiv aufgeladen ist und dadurch die Dynamik stark beeinflusst. Sicherungsorientierte Käufer streben Rückabwicklung an. Fortführungsorientierte Käufer sind zu Nachschüssen bereit. Manche eskalieren den Prozess. Da die Erwerber unter extremen wirtschaftlichen und emotionalen Druck stehen. Diese Heterogenität blockiert kollektive Beschlussfähigkeit. Obwohl genau diese Voraussetzung für jede Lösung wäre. Bauunternehmen und Nachunternehmer operieren strikt liquiditätsgetrieben. Das Vertrauen ist häufig bereits zerstört und die Kommunikation mit dem Bauträger aufgeladen. Ohne Zahlung keine Leistung und ohne Leistung keine Projektfortführung. Juristische Berater optimieren konsequent die Position ihrer Mandanten und verfolgen stur deren Einzelinteressen. Systemisch verstärkt dies jedoch die Fragmentierung, da jede Partei eine für sich optimale, aber nicht systemkompatible Lösung verfolgt.

Warum sich keiner bewegt, obwohl Bewegung notwendig wäre

Die zentrale Fehlannahme liegt in der Erwartung, dass einer der Beteiligten den „ersten Schritt“ machen könnte. In der Realität jedoch, ist jeder erste Schritt mit einem asymmetrischen Risiko verbunden. Der Bauträger riskiert persönliche Haftung. Die Bank riskiert weiteres Kapital ohne Klarheit über die Sicherheiten. Die Erwerber riskieren zusätzliche Einzahlungen ohne Fertigstellungsgarantie. Die Bauunternehmen riskieren unbezahlte Leistungen. Die Folge ist rationales Abwarten auf individueller Ebene. Und somit kollektiver Stillstand auf Systemebene. Oder präziser formuliert: Das System befindet sich in einem stabilen, aber ineffizienten Gleichgewicht.

Der blinde Fleck der klassischen Herangehensweisen

Weder bilaterale Verhandlungen, noch rein juristische Strategien sind in der Lage, dieses Gleichgewicht aufzulösen. Sie adressieren jeweils nur Teilaspekte, nicht jedoch die Interdependenzen des Gesamtsystems. Was fehlt, ist eine Instanz, die die Interessen aller Beteiligten simultan erfasst. Diese in eine konsistente Gesamtstruktur überführt und einen Prozess etabliert, der wieder Entscheidungsfähigkeit erzeugt.

Die Funktion systemischer Interventionsberatung

Systemische Interventionsberatung setzt genau an diesem Punkt an. Nicht als zusätzlicher Berater unter vielen, sondern als strukturierende Meta-Ebene. Ihr Beitrag besteht nicht primär in der Entwicklung neuer Lösungen, sondern in der Herstellung von Umsetzbarkeit bereits vorhandener Optionen. Konkret bedeutet das: Interessenbasierte Rekonstruktion des Systems, durch die Trennung von Positionen und dahinterliegenden Motiven. Um Verhandlungsspielräume klar sichtbar zu machen. Einer Implementierung und dem Design belastbarer Entscheidungsarchitekturen, durch die Entwicklung von Prozessen. In denen fragmentierte Gruppen (insbesondere Erwerbergemeinschaften) handlungsfähig werden. Einer Symmetrierung des Risikos, durch das Schaffen von transparenten Strukturen und dem gestalten von Lösungen. Bei denen kein Akteur einseitig exponiert ist. Sondern Risiken verteilt sind und dadurch kontrollierbar werden. Der Moderation und Steuerung kritischer Schnittstellen. Insbesondere dort, wo Misstrauen und Eskalation bereits dominieren.

Warum externe Expertise hier entscheidend ist

Die Annahme, dass die beteiligten Akteure diese Rolle selbst übernehmen könnten, ist in der Praxis nicht tragfähig. Jeder Beteiligte ist strukturell und interessenseitig gebunden. Neutralität ist die Voraussetzung für systemische Steuerung. Sie existiert innerhalb des Systems nicht. Externe Interventionsberatung schafft genau diese notwendige Distanz. Und damit erst die Möglichkeit, das System aus seinem blockierten Zustand zu befreien und in einen Prozess der Lösung zu überführen.

Fazit

Festgefahrene Immobilienprojekte sind selten an mangelnden Lösungsansätzen gescheitert. Sie scheitern daran, dass die vorhandenen Lösungen innerhalb der bestehenden Struktur nicht realisierbar sind. Systemische Interventionsberatung adressiert diesen strukturellen Engpass. Sie transformiert ein System, in dem rationale Einzelentscheidungen Stillstand erzeugen. In ein System, das wieder kollektive Handlungsfähigkeit besitzt. Oder zugespitzt formuliert: Nicht die Komplexität ist das Problem – sondern der fehlende Umgang mit ihr.

Marlena J. Wenisch ist Immobilienökonomin und ausgebildete Immobilienkauffrau mit langjähriger Erfahrung in der Bauträgerbranche. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Analyse und Begleitung komplexer immobilienwirtschaftlicher Krisensituationen sowie steckengebliebener Bauvorhaben.

Durch die intensive Begleitung eines eigenen festgefahrenen Bauträgerprojekts sowie weiterer Vorhaben einer großen Bauträgergesellschaft entwickelte sie ein außergewöhnlich tiefes Verständnis für die wirtschaftlichen, strukturellen und kommunikativen Dynamiken solcher Krisenlagen. Als Gründerin eines Netzwerks geschädigter Käufer mehrerer Projekte vertrat sie deren Interessen zudem wirkungsvoll nach außen.

Heute berät sie Akteure in anspruchsvollen immobilienwirtschaftlichen Konflikt- und Krisensituationen. Ihre Arbeit verbindet fundierte immobilienökonomische Analyse mit strategischer Kommunikations- und Konfliktsteuerung, um belastbare Lösungen an den Schnittstellen von Wirtschaftlichkeit, Verantwortung und Umsetzbarkeit zu ermöglichen.