Transformation ist Konsens - zumindest in der Theorie
Nicht jedes Center muss zum Mixed-Use-Quartier werden. Nicht jede zusätzliche Nutzung erzeugt Frequenz.
Erstmals liegen präzise und kleinräumige Passantenfrequenzdaten für ganz Österreich vor. Eine aktuelle Analyse von RegioData Research belegt: „Graben und Kärntner Straße sind mit großem Abstand die frequenzstärksten Einkaufsstraßen des Landes.“ Während touristisch geprägte Toplagen vielfach zulegen oder ihre Werte halten, geraten lokal ausgerichtete Handelszonen durch Geschäftsschließungen zunehmend unter Druck. Besonders deutlich schlägt der Rückgang in Graz durch.
Wien dominiert das Frequenzranking
An der Spitze steht der Graben in Wien mit rund 56.000 Personen pro Tag – ein Wert, den keine andere österreichische Einkaufsstraße auch nur annähernd erreicht. Die Kärntner Straße folgt mit mehr als 53.000 Passanten täglich auf Platz zwei. Beide Lagen profitieren von einem überdurchschnittlich hohen Touristenanteil, der die Frequenzen auch unabhängig von der lokalen Kaufkraft trägt.
Auf Rang drei rangiert die Mariahilfer Straße mit rund 34.500 Passanten täglich. Mit einem Touristenanteil von lediglich 28 % hängt sie deutlich stärker von der lokalen und regionalen Bevölkerung ab als die beiden Spitzenreiter. Dennoch frequentieren im Jahr 2025 täglich knapp 10.000 Touristen diese Einkaufsstraße.
Mariahilfer Straße und Favoritenstraße: Schließungen hinterlassen Spuren
Die Mariahilfer Straße verzeichnet im Vergleich zum Vorjahr einen Frequenzrückgang von knapp 9%. Als mögliche Ursache nennt RegioData Research die zahlreichen Geschäftsschließungen der vergangenen Jahre: „darunter bekannte Namen wie Nike, Salamander, Gerry Weber, Benetton, Delka, Hallhuber und Promod.“ Der veränderte Branchenmix dürfte Besucherinnen und Besucher abhalten, die Straße gezielt aufzusuchen.
Eine ähnliche Entwicklung zeigt die Wiener Favoritenstraße. Mit einem Touristenanteil von lediglich 8 % ist sie besonders stark auf die Nachfrage aus ihrem unmittelbaren Einzugsgebiet angewiesen – und reagiert entsprechend sensibel auf strukturelle Veränderungen im Einzelhandelsbesatz.
Graz: Herrengasse und Sackstraße verlieren 20 Prozent
Besonders auffällig fällt die Entwicklung in Graz aus. Sowohl die Herrengasse als auch die Sackstraße verzeichnen zwischen 2024 und 2025 einen Frequenzrückgang von rund 20 % – und das, obwohl der Touristenanteil leicht gestiegen ist und mittlerweile bei etwa 38 % liegt.
Der Einbruch fällt zeitlich mit einer Reihe von Geschäftsschließungen in der Grazer Innenstadt zusammen. Unter anderem haben H&M, Café Sacher, Benetton, Salamander, Orsay, Stiefelkönig und Manner ihre Standorte aufgegeben. Der Verlust dieser etablierten Betriebe dürfte wesentlich dazu beitragen, dass die Grazer Innenstadt insbesondere für Besucher aus dem Umland an Anziehungskraft verliert. Frequenzerhöhende Sondereffekte gab es 2024 dennoch: Die Eröffnung des neuen Douglas-Standorts am Hauptplatz sowie weitere Neueröffnungen und Standortverlagerungen wirkten zumindest punktuell stabilisierend.
Vergleichbare Tendenzen zeigen sich auf der Kremser Landstraße in St. Pölten. Auch dort haben Schließungen – darunter Benetton, Leonardo und Paolo – das Einkaufsangebot verändert und dürften zum Rückgang der Passantenfrequenz beigetragen haben.
Tourismus als Frequenzmotor: Kohlmarkt und Getreidegasse führen
Wie stark der Tourismus Passantenfrequenzen treibt, zeigt sich am deutlichsten am Wiener Kohlmarkt: 77 % der dort erfassten Passanten kommen aus einer Entfernung von mehr als 50 Kilometern – der höchste Anteil unter allen untersuchten Einkaufsstraßen. Die Salzburger Getreidegasse folgt mit einem Touristenanteil von rund 60 %.
Die Analyse von RegioData Research belegt einen klaren Zusammenhang: Einkaufsstraßen mit hohem Touristenanteil entwickeln sich tendenziell positiv oder halten ihre Frequenzen zumindest stabil. Insbesondere die stark touristisch geprägten Wiener Einkaufsstraßen profitieren von der zusätzlichen Nachfrage internationaler und überregionaler Besucher.
Tourismus allein garantiert jedoch keine steigenden Frequenzen. Auch in Salzburg zeigen sich trotz des hohen Anteils auswärtiger Besucher rückläufige Entwicklungen in einzelnen Einkaufsstraßen, etwa in der Linzergasse.
Meidlinger Hauptstraße: Nahversorgung als Wachstumstreiber
Dass Frequenzwachstum nicht zwingend vom Tourismus abhängt, belegt die Wiener Meidlinger Hauptstraße. Sie verzeichnet trotz eines geringen Touristenanteils eine positive Entwicklung. Ausschlaggebend dürften die Stärkung des Nahversorgungsangebotes sowie demografische Veränderungen im Einzugsgebiet sein. Die Meidlinger Hauptstraße zeigt damit, dass auch lokal ausgerichtete Einkaufsstraßen Frequenzen steigern können, wenn das Angebot auf die Bedürfnisse der Bevölkerung abgestimmt ist.
Fazit: Geschäftsbesatz bleibt entscheidend
Die RegioData-Analyse zeichnet ein differenziertes Bild: Selbst unter Österreichs 20 frequenzstärksten Einkaufsstraßen sind tendenziell mehr Standorte von Rückgängen als von Zuwächsen betroffen. Sinkende Passantenfrequenzen gehen dabei besonders häufig mit der Schließung wichtiger Geschäfte und einem veränderten Branchenmix einher. Touristisch geprägte Lagen profitieren von zusätzlicher Nachfrage, stärker lokal ausgerichtete Handelszonen stehen vor der Herausforderung, ihre Attraktivität für Bevölkerung und Umland zu erhalten. „Entscheidend bleibt ein attraktiver und vielfältiger Geschäftsbesatz, der auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung ebenso eingeht wie auf jene der Besucher aus dem weiteren Einzugsgebiet.“
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