Sonnenschutz in Bildungsbauten: Bauphysikalische Pflicht

Wer heute saniert oder neu baut und dabei auf außenliegenden Sonnenschutz verzichtet, spart am falschen Ende
Dagmar Gordon
Dagmar Gordon
Sonnenschutz in Bildungsbauten: Bauphysikalische Pflicht
© BVST/WAREMA

Zentralmatura, Konzentration, Prüfungsstress – all das verlangt sowohl Schülerinnen und Schülern jeden Alters als auch Studierenden Höchstleistung ab. Was dabei oft übersehen wird: Überhitzte Klassenräume machen konzentriertes Arbeiten schlicht unmöglich. Der Bundesverband Sonnenschutztechnik (BVST) macht darauf aufmerksam, dass wirkungsvoller Hitzeschutz in Schulen, Universitäten und öffentlichen Gebäuden keine Frage des Komforts, sondern eine Frage der Bildungsgerechtigkeit und der Zukunftsfähigkeit unserer Gebäude ist – und fordert die Politik zum Handeln auf.

Wer in den letzten Schulwochen in Österreich ein unverschattetes Klassenzimmer betritt, braucht kein Messgerät. Die Zahlen aber sind trotzdem aufschlussreich: Eine Messstudie von Greenpeace und der Universität für Bodenkultur dokumentierte dies an einem Gymnasium in Wien im Juni 2025. An 16 von 30 Tagen lag die Raumtemperatur über 30 Grad, an 25 Tagen über 27 Grad – ein Wert, ab dem die kognitive Leistungsfähigkeit nachweislich leidet. Wohlgemerkt lag die Außentemperatur dabei teils deutlich darunter.

Der Bundesverband Sonnenschutztechnik (BVST) sieht darin kein Einzelphänomen, sondern ein strukturelles Planungsversäumnis – und richtet sich mit klaren Forderungen an Planende, aber vor allem an die öffentliche Hand.

Denn das Problem endet nicht am Schultor.

Stadtamtsdirektor Franz Holzer kennt es aus dem eigenen Alltag in „seiner“ Gemeinde in Wolkersdorf: „Wer schon einmal im Hochsommer versucht hat, konzentriert zu arbeiten, weiß, dass bei 32 Grad im Büro an Präzision kaum zu denken ist. Das gilt nicht nur für Schüler und Lehrer´´, sondern auch für unsere Mitarbeitenden und die Bürger, die zu uns kommen." Laut WHO-Europabericht 2013 verbringen Menschen im Schnitt 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen. Dass diese Räume nicht zur Belastung werden, ist keine Komfortfrage – es ist eine Frage des gesunden Menschenverstands.

Was die Bauphysik längst weiß

Außenliegende Sonnenschutzsysteme reduzieren den solaren Energieeintrag um 85 bis 95 Prozent und senken die Raumtemperatur gegenüber unbeschatteten Vergleichsräumen um 5 bis 10 Grad Celsius. Diese Werte sind keine Herstellerangaben – sie entsprechen dem Stand der Technik und sind in der OIB-Richtlinie 6 abgebildet, die für den sommerlichen Wärmeschutz einen Gesamtenergiedurchlasswert (gtot) von maximal 0,15 fordert (= Gesamtenergieeintrag durch Beschattung und Fenster liegt bei unter 15 %). Diese Anforderungen aus der OIB-Richtlinie 6 aus 2025 sind mit Juni 2026 verpflichtend in den Bauordnungen/Bautechnikverordnungen der jeweiligen Bundesländer zu verankern. Somit ist die außenliegende Beschattung normativ bereits verpflichtend – doch die Lücke liegt in der Umsetzung. „Wer heute saniert oder neu baut und dabei auf außenliegenden Sonnenschutz verzichtet, spart am falschen Ende – und schafft Gebäude, die nicht für die Zukunft gebaut sind und in Zeiten des Klimawandels schlicht nicht mehr ihre Funktion erfüllen", sagt Fuad Salic, Sprecher des BVST.

Wirksames Duo: Nachtlüftung und Beschattung

Nachts lüften, tagsüber beschatten – dieses einfache Prinzip kann Überhitzung in Gebäuden wirksam reduzieren. Wird ein Gebäude in den kühleren Nachtstunden gelüftet, kühlen Wände und Decken ab und nehmen am nächsten Tag Wärme langsamer auf. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Hitze tagsüber gar nicht erst in den Raum gelangt. Ist ein Klassenraum einmal überhitzt, lässt sich die Temperatur kaum noch senken. Doch wenn die Kinder schon um neun Uhr morgens erschöpft auf der Bank sitzen, weil es im Klassenraum bereits 29 Grad hat, wird Sonnenschutz in Kombination mit einem intelligenten Lüftungskonzept zur pädagogischen Grundvoraussetzung.

„Durch Querlüftung in den kühleren Nachtstunden werden die Speichermassen eines Gebäudes ohne zusätzlichen Energieaufwand abgekühlt. Damit dieser Effekt am nächsten Tag erhalten bleibt, muss die außenliegende Beschattung frühzeitig aktiv sein – besonders in ostorientierten Räumen, welche sich sonst schon ab den frühen Morgenstunden stark aufheizen.“
—Elisabeth Winter - Projektleiterin bei Klassenbester

Tageslicht und Blendschutz: kein Widerspruch

Variable, sensorgesteuerte Beschattungssysteme ermöglichen zudem, den solaren Eintrag und die Tageslichtversorgung getrennt voneinander zu regeln. Dauerhaft abgedunkelte Räume sind keine Lösung – gefordert sind Systeme, die nach Sonnenstand, Raumtemperatur und Nutzungsprofil automatisch steuern.

Forderung an Planung und Politik

Der BVST fordert, außenliegende Beschattung als verpflichtenden Standard in alle Sanierungs- und Neubauprojekte öffentlicher Gebäude – insbesondere Schulen, Kindergärten und Verwaltungsgebäude – aufzunehmen. Die normative Grundlage ist vorhanden. Was fehlt, ist die konsequente Verankerung in den Landesbaugesetzen, in Ausschreibungen, Förderkriterien und Planungspflichten.

„Außenbeschattung ist keine Frage des Geschmacks oder des Budgets – sie ist eine bauphysikalische Notwendigkeit, die durch klare Normen und Förderungen abgesichert werden muss. Wir haben eine funktionierende Technologie und sinnvolle Normen. Doch nur politische Entscheidungen können sicherstellen, dass diese Maßnahmen auch konsequent umgesetzt werden."  
—Fuad Salic - Sprecher des BVST