Welche Immobilienmärkte profitieren von der europäischen Reindustrialisierungswelle?

Deutschland ist klarer Spitzenreiter
Lorenz Selinger
Lorenz Selinger
Craig Wright
Craig Wright
© abrdn Investments Deutschland AG

Nach 75 Jahren globalisierter, exportorientierter Produktion richtet Europa seine industrielle Basis nun auf Resilienz aus. Einige Länder stehen dabei vor größeren Herausforderungen als andere, und Berichten zufolge könnte die EU möglicherweise noch in diesem Monat den Industrial Acceleration Act (IAA) einführen.

Eine neue Analyse von Aberdeen Investments, die vierzehn europäische Länder bewertet, zeigt auf, welche Immobilienmärkte am besten positioniert sind, um Europas industrielle Neuausrichtung anzuführen – wobei Industrie- und Logistikimmobilien am besten geeignet sind, um Resilienz zu schaffen. Deutschland ist dabei der klare Spitzenreiter, gefolgt von den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Spanien.

Aberdeen hat zehn Schlüsselfaktoren identifiziert, welche maßgeblich beeinflussen, in welchem Maße ein Land zusätzliche Nachfrage aus den Reindustrialisierungstrends in Europa abschöpfen kann. Die kürzlich veröffentlichte Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem verstärkte fiskalische Initiativen für Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben weithin als entscheidend für Europas wirtschaftliche Resilienz, Sicherheit und Wachstum gelten.

„In einer unsicheren, zunehmend fragmentierten Welt, in der sich Allianzen verschieben und Lieferketten zunehmend unter Stress geraten, benötigen Länder und Regierungen Resilienz. Entscheidungsträger in ganz Europa priorisieren die Entwicklung und den Ausbau nationaler und regionaler Kapazitäten. Die Herausforderung schafft Chancen. Wir erwarten stärkere Cashflows für Industrie und Logistik, ein robustes Mietwachstum und urbane Standorte in der Nähe großer Pools an qualifizierten Arbeitskräften mit höheren Sicherheitsstandards vor Ort. Das Mietwachstum dürfte die Inflation langfristig deutlich übertreffen.“
—Craig Wright, Head of European Real Estate Research, Aberdeen Investments

Die European Industrial Market Assessment von Aberdeen Investments (siehe unten) stuft Immobilienmärkte anhand von zehn Kategorien ein: Wirtschaftswachstum, wirtschaftliche Resilienz, Risiko, Liquidität, Industrie, Logistiktiefe, Nearshoring-Potenzial, Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben, E-Commerce-Penetration und Renditeprognosen. Die Länder wurden von 5 (beste) bis 1 (schwächste) bewertet – basierend auf Resilienz, Verteidigungsausgaben und Wachstumskapazität. Jeder Faktor wurde an renommierte Drittanbieter-Indizes und extern validierte Datensätze angelehnt, um Robustheit und Vergleichbarkeit über Länder hinweg sicherzustellen.

Deutschland ist der klare Spitzenreiter mit einem durchschnittlichen Score von 4,7 und einer Top-Bewertung von 5 in acht der zehn Kategorien. Die Niederlande, auf Platz zwei, erzielten durchschnittlich 4,1 und erreichten in drei Kategorien die Bestnote (Industrieindex, Logistikindex und E-Commerce-Penetration). 

Interessanterweise belegte das Vereinigte Königreich den dritten Platz mit einem Durchschnitt von 3,9, aber mit einem Top-Score von 5 in vier wichtigen Kategorien (Risikonavigator, Liquidität, Verteidigung/Sicherheit und E-Commerce-Penetration). Das verschafft dem Vereinigten Königreich eine gute Ausgangsposition, um von der Reindustrialisierung und wachsenden Verbindungen zum restlichen Europa zu profitieren. Zwar wies das Vereinigte Königreich eine schwächere Bewertung in der wirtschaftlichen Resilienz auf, jedoch zeigen die Datengrundlagen von Oxford Economics diesbezüglich keine großen Unterschiede zwischen den wichtigsten europäischen Volkswirtschaften, und so rutscht UK daher nach der Methodik von Aberdeen nur knapp in eine Bewertung von 2 zurück.

Die vollständige Studie im englischen Original können Sie hier einsehen.

„Jahre der Hyperglobalisierung haben Europa in Sektoren wie Sicherheit, Energie, Chemikalien, kritische Rohstoffe, Lebensmittel, Automobilindustrie und Technologie verwundbar gemacht – Wertschöpfungsketten, die zerbrochen sind und dringend wieder aufgebaut werden müssen. Infolgedessen sieht sich der Kontinent nun den Folgen der übermäßigen Abhängigkeit von Asien bei wirtschaftlichen Vorleistungen und den USA bei Sicherheitsfragen gegenüber. Wir behalten offen, wo neue Chancen entstehen werden, aber wir glauben, dass etablierte Standorte in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Spanien und im Vereinigten Königreich die überzeugendsten Möglichkeiten in der Zukunft bieten. All dies muss mit der Notwendigkeit der Dekarbonisierung in Einklang gebracht werden und damit einen wachsenden Anteil der bereits vorhandenen Brachflächen in moderne, zukunftsfähige Anlagen umzuwandeln. Angesichts des Drucks, zusätzliche Flächen für den Wohnungsbau zu finden, werden wir in unseren Großstädten keine weiteren Flächen für Industrie und Logistik ausweisen."
—Craig Wright