Was macht Wohnio genau?
Kevin Bauer: Wir optimieren Heizungsanlagen im mehrgeschossigen Wohnbau mithilfe von KI und IoT. Dafür digitalisieren wir Heizzentralen und erstellen einen digitalen Zwilling. So können wir die Anlagen aus der Ferne steuern und die optimalen Einstellungen berechnen.
Gabriel Brandstetter: Im Schnitt erreichen wir damit rund 18 bis 20 % Energieeinsparung – in manchen Fällen sogar deutlich mehr, abhängig vom Gebäude.
Wie funktioniert das technisch – vor allem, wenn das Internet ausfällt?
Brandstetter: Im Heizkeller gibt es immer eine lokale Steuereinheit, die unabhängig vom Internet funktioniert. Zusätzlich ist ein Minicomputer installiert, der Optimierungen übernimmt.
Fällt die Verbindung aus, läuft die Heizung stabil weiter – nur ohne zusätzliche Optimierung.
Bauer: Sobald unsere Hardware installiert ist, können wir die Anlagen vollständig aus der Ferne steuern. Vor-Ort-Einsätze sind dann nur noch im Störfall nötig.
Wie sieht diese Hardware konkret aus?
Bauer: Unsere IoT-Box ist etwa so groß wie ein kleiner Handgepäckstrolley und wird im Heizkeller montiert. Der Einbau dauert weniger als einen Tag.
Brandstetter: Die Box verbindet sich mit der Heizzentrale und den Wärmezählern und sammelt laufend Daten – etwa Temperaturen, Durchflüsse und Verbräuche.
Wie findet Ihr die optimalen Einstellungen für jedes Gebäude?
Bauer: Wir clustern Gebäude datenbasiert – etwa nach Dämmung, Lage oder Heizsystem. Neue Gebäude vergleichen wir mit ähnlichen bestehenden und leiten daraus ideale Einstellungen ab.
Brandstetter: Zusätzlich berechnet unsere KI kontinuierlich den optimalen Sollwert. Sie berücksichtigt Wetterdaten, Gebäudeeigenschaften und das reale Nutzungsverhalten.
Aber Nutzer greifen ja selbst in die Heizung ein. Wie geht Ihr damit um?
Brandstetter: Die individuelle Regelung bleibt bestehen. Wir sorgen nur dafür, dass das Gesamtsystem effizient läuft. Extreme Einstellungen – etwa 28 °C Raumtemperatur – werden verhindert.
Bauer: Der Zielbereich liegt typischerweise bei 22 bis 24 °C. Viele Einsparungen entstehen übrigens dadurch, dass Gebäude über Jahre verändert wurden – etwa durch Dämmung – die Heizungssteuerung aber nie angepasst wurde.
Wie lange dauert es, bis das System optimal läuft?
Bauer: Die ersten Effekte sieht man schon nach wenigen Wochen.
Brandstetter: Einen großen Teil des Potenzials erreichen wir nach zwei bis drei Heizperioden. Wir optimieren schrittweise, auch weil Nutzerverhalten eine Rolle spielt.
Wie wirtschaftlich ist das für Eigentümer?
Brandstetter: Der Return on Investment liegt im Schnitt bei unter drei Jahren.
Bauer: Die Investition ist relativ gering – meist im niedrigen vierstelligen Bereich. Alternativ gibt es ein Mietmodell mit wenigen Euro pro Wohnung und Monat.
Welche zusätzlichen Vorteile bringt das System?
Brandstetter: Wir überwachen die Anlagen kontinuierlich. Wenn etwa ein Mischventil nicht mehr richtig arbeitet, erkennen wir das sofort. Man kann sich das wie eine automatische Gangschaltung plus Warnsystem im Auto vorstellen.
Bauer: Das reduziert Wartungsaufwand massiv. Statt fixer Intervalle wird gezielt eingegriffen, wenn wirklich etwas notwendig ist.
Ihr bewegt euch aber auch in einem sensiblen Markt. Gibt es Widerstände?
Brandstetter: Ja, klar. Weniger Energieverbrauch bedeutet auch weniger Umsatz für Energieanbieter. Das erzeugt ab und zu ein Spannungsfeld.
Bauer: Dazu kommt, dass wir als schnelles Start-up auf große, eher träge Strukturen treffen. Das bedeutet viel Abstimmung – etwa mit Energieversorgern und Eigentümern.
Welche Rolle spielt Eure Lösung für Klimaziele?
Bauer: Eine sehr große. Wien will bis 2040 klimaneutral werden. Effizienzsteigerungen im Gebäudebestand sind dafür entscheidend.
Brandstetter: Unsere Einsparungen können auch helfen, bestehende Energieinfrastruktur besser zu nutzen – etwa Fernwärmenetze zu entlasten oder auszubauen.
Wer sind eure typischen Kunden?
Bauer: Vor allem große gemeinnützige Wohnbauträger. Einige verwalten jeweils über 20.000 Wohneinheiten.
Brandstetter: Insgesamt sprechen wir von mehreren hunderttausend betreuten Wohneinheiten – allein in Österreich.
Zum Abschluss: Wo seht Ihr die größte Herausforderung?
Brandstetter: Technisch ist vieles lösbar. Die größere Herausforderung liegt im System selbst – in Strukturen, Anreizen und Marktlogiken.
Bauer: Genau. Mehr Offenheit für Innovation würde helfen – nicht nur für uns, sondern für die gesamte Energiewende.