Erstmals treten die Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder der Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) und der Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen (GBV), Landesgruppe Niederösterreich, gemeinsam vor die Öffentlichkeit. Anlass ist die Präsentation aktueller Zahlen zur niederösterreichischen Wohnbaupipeline — und ein klares Signal in Richtung Bundesgesetzgeber: Ohne verlässliche Rahmenbedingungen, weniger bürokratische Auflagen und mehr Planungssicherheit werde der Wohnungsmarkt nicht stabilisiert.
Datenbasis der Auswertung ist die Studie „Wohnbauprojekte in der Pipeline: Niederösterreich“ von WKNÖ, GBV NÖ und Exploreal GmbH, die rund 460 Bauprojekte mit insgesamt 12.099 Wohneinheiten aus dem Erhebungszeitraum 2024 bis 2026 erfasst.
Gewerblicher Wohnbau: 49 Prozent des Gesamtmarktes
Johannes Wild, Obmann der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der WKNÖ, präsentierte die Kennzahlen zum gewerblichen Segment. Demnach entfallen in Niederösterreich 27 Prozent des Gesamtmarktes auf gewerbliches Eigentum, 16 Prozent auf gewerbliche Miete und weitere sechs Prozent auf sonstige gewerbliche Segmente — in Summe steht der gewerbliche Wohnbau für 49 Prozent der niederösterreichischen Wohnbaupipeline.
„Diese Zahlen zeigen sehr klar, dass der gewerbliche Wohnbau in Niederösterreich eine tragende Säule des Neubaus bleibt. Wer den Wohnbau ankurbeln will, muss dafür sorgen, dass Projekte wieder wirtschaftlich darstellbar und Investitionen wieder kalkulierbar werden. Es braucht auf Bundesebene verlässliche Rahmenbedingungen, weniger kostentreibende Hürden und mehr Planungssicherheit“, so Wild.—Johannes Wild, Obmann der Fachgruppe Immobilien- und Vermögenstreuhänder in der WKNÖ,
Gemeinnütziger Sektor: Mehr als die Hälfte der Pipeline
Christian Rädler, Obmann der GBV Landesgruppe Niederösterreich, verwies auf die strukturelle Bedeutung des gemeinnützigen Sektors. Fünf Prozent des Gesamtmarktes entfallen auf gemeinnütziges Eigentum, 43 Prozent auf gemeinnützige Mietwohnungen und drei Prozent auf sonstige gemeinnützige Segmente. Der gemeinnützige Bereich kommt damit auf 51 Prozent des Marktes und stellt mehr als die Hälfte der Wohnbaupipeline in Niederösterreich. Rund 45 Prozent der für 2026 und 2027 geplanten Einheiten entfallen auf den gemeinnützigen Mietsektor.
„Der gemeinnützige Wohnbau ist ein zentraler Garant für leistbares Wohnen in Niederösterreich. Gerade in einem schwierigen Marktumfeld braucht es stabile und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen, damit ausreichend gebaut werden kann. Leistbarer Wohnraum entsteht nur dann, wenn gemeinnützige und gewerbliche Bauträger unter vernünftigen Voraussetzungen arbeiten können“, betonte Rädler.—Christian Rädler, Obmann der GBV Landesgruppe Niederösterreic
Neubauvolumen: Anstieg auf 3.700 Einheiten im Jahr 2026
Die Zahlen zur Wohnbaupipeline zeigen eine deutliche Belebung: Für 2026 sind 3.700 neue Wohneinheiten geplant, was einem Anstieg von 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Für 2027 steigt das Volumen auf rund 4.100 Wohnungen. Beide Sektoren — gewerblich wie gemeinnützig — tragen zu diesem Wachstum bei und bilden gemeinsam die Grundlage für ein diversifiziertes Angebot aus Eigentum, Miete und leistbarem Wohnraum.
Wohnungsmix und Ausstattung: Breites Angebot mit hoher Freiflächenquote
Die Auswertung liefert auch Einblicke in Struktur und Qualität des geplanten Neubaus. Die durchschnittliche Wohnnutzfläche beträgt 74,3 Quadratmeter je Einheit. Der Wohnungsmix ist breit aufgestellt: Rund 36 Prozent der Einheiten entfallen auf 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen, etwa 38 Prozent auf 3-Zimmer-Wohnungen und rund 26 Prozent auf Wohnungen mit vier oder mehr Zimmern — ein Angebot, das sowohl kleinere Haushalte als auch Familien adressiert.
Bei der Ausstattung dominieren Außenräume: Nahezu der gesamte Wohnneubau verfügt über Freiflächen — rund 99 Prozent der Einheiten weisen eine solche auf, im Durchschnitt mit 11,2 Quadratmetern pro Einheit. Im Detail entfallen rund 47 Prozent der Einheiten auf Terrassen, etwa 45 Prozent auf Balkone, rund 37 Prozent auf Gärten und etwa 22 Prozent auf Loggien. Die durchschnittliche Zahl der Pkw-Abstellplätze liegt bei 1,18 je Wohneinheit.
Kostendruck: Grundkostenanteil bei 1.083 Euro pro Quadratmeter
Trotz der positiven Volumenentwicklung bleibt der wirtschaftliche Druck auf Bauträger hoch. Der durchschnittliche Grundkostenanteil liegt laut Präsentation bei 1.083 Euro pro Quadratmeter. Dieser Kostenfaktor unterstreicht aus Sicht der Branchenvertreter, wie stark die Realisierbarkeit neuer Projekte von wohnpolitischen und finanziellen Rahmenbedingungen abhängt.
Gemeinsame Reformforderungen an den Bundesgesetzgeber
Wild und Rädler formulierten auf Basis der Daten einen gemeinsamen Forderungskatalog: raschere und einfachere Genehmigungsverfahren, weniger bürokratische und kostentreibende Auflagen, verlässlichere Förder- und Finanzierungsbedingungen sowie mehr Planbarkeit für Bauträger, Investoren und gemeinnützige Wohnbauunternehmen.
„Wenn wir wollen, dass ausreichend neuer Wohnraum entsteht, dann müssen die politischen Rahmenbedingungen wieder stärker auf Ermöglichung statt auf Verhinderung ausgerichtet werden“, betonten Wild und Rädler. „Österreich braucht auf Bundesebene Reformen, die den Neubau tatsächlich erleichtern. Nur so wird es gelingen, das Wohnungsangebot auszuweiten und gleichzeitig leistbares Wohnen zu sichern.“
Dass beide Organisationen diese Zahlen erstmals gemeinsam präsentieren, verstehen sie als bewusstes Signal: Gewerblicher und gemeinnütziger Wohnbau sind keine Konkurrenten, sondern komplementäre Säulen eines funktionierenden Wohnungsmarktes. Die Daten aus der Studie von WKNÖ, GBV NÖ und Exploreal GmbH belegen, dass Niederösterreich über eine substanzielle Neubaudynamik verfügt — deren Fortbestand jedoch an politische Weichenstellungen auf Bundesebene geknüpft bleibt.