Büro-Liebe statt Rückkehrpflicht

Wie das Büro zum Produktivitätstreiber wird
Lorenz Selinger
Lorenz Selinger
Sabine Zinke
Sabine Zinke
© (c) www.ulrichzinell.com

Das Büro hat nicht ausgedient – aber es muss sich neu beweisen. Die aktuelle Umfrage von M.O.O.CON, durchgeführt von YouGov unter 1.024 Angestellten mit überwiegender Büro-/Wissensarbeit, zeigt: 58 % der Befragten arbeiten gern im Büro ihres Arbeitgebers. Ist auch das Team vor Ort, steigt die Zustimmung auf 68 %. Gleichzeitig sehen nur 45 % das Büro als echte Unterstützung für ihre Leistungserbringung, 37 % erkennen keinen Einfluss auf ihre Produktivität, und 31 % vermeiden das Büro sogar, wenn es möglich ist. Doch woran liegt die Unzufriedenheit und wie lässt sich das heutige Büro wieder zu einem Ort transformieren, der Innovation und Produktivität fördert?

„Das Büro ist heute mehr als nur der Arbeitsplatz – es steht für Kollaboration, sozialen Zusammenhalt und informellen Austausch. Unternehmen, die diese Qualitäten gezielt stärken, erhöhen die Attraktivität ihres Büros nachhaltig und steigern die Produktivität bei ihren Mitarbeitenden.“
—Sabine Zinke, Geschäftsführende Gesellschafterin bei M.O.O.CON

Die Ergebnisse machen deutlich: Das Büro wird geschätzt – jedoch primär als sozialer Raum. Wer es als strategischen Wertschöpfungsfaktor etablieren will, muss stärker Faktoren wie Qualität, Mehrwert und Nutzungskonzept berücksichtigen.

Büro als sozialer Magnet

Die soziale Dimension der Büroarbeit steht klar im Vordergrund. Denn wie auch die jüngst veröffentlichten Studien des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO belegt, ist Homeoffice für die Produktivität bei bestimmten Tätigkeiten förderlich, jedoch nur bis zu einem gewissen Kipp-Punkt. In einer weiteren Publikation kommt das Frauenhofer IAO zu dem Schluss, dass Arbeitsorte eine entscheidende Rolle für die Kreativität und Innovationsfähigkeiten von Unternehmen spielen, wenn die Räume dafür geschaffen werden und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht wird. So zeigen auch die Umfrageergebnisse von M.O.O.CON, das Büro wird vor allem als zwischenmenschlicher Begegnungsraum gesehen.

Auf die Frage, bei welcher Tätigkeit die Befragten sich selbst als produktiver im Büro als außerhalb des Büros sehen, steht für 47 % der Befragten die Zusammenarbeit im Team und damit ganz klar der Faktor Mensch an erster Stelle. Knapp dahinter folgen die Optionen „Lernen von Kolleginnen und Kollegen / informeller Wissensaustausch“ (43 %) sowie „spontane Abstimmungen“ (40 %). Fokussiertes Arbeiten (23 %) oder kreative Aufgaben (14 %) werden deutlich schlechter im Büro bewertet. All diese Aktivitäten sind zentrale Treiber für die Innovationsfähigkeit in Organisationen. Informelle Begegnungen, kurze Abstimmungswege und interdisziplinärer Austausch beschleunigen Entscheidungsprozesse, erhöhen die Qualität von Lösungen und fördern kollektives Lernen. Und das unterstreicht die Bedeutung des Büros als Innovationsökosystem.

Zufriedenheit hoch – Leistungsunterstützung ausbaufähig

Dreiviertel (76 %) der Befragten geben an, grundsätzlich mit ihrem Büro zufrieden zu sein – bezogen auf Räume, Ausstattung, Technik, Platz, Licht oder Akustik. Dennoch bleibt eine Diskrepanz: Nur 45 % erleben das Büro als produktivitätsfördernd

.Gefragt nach konkreten Verbesserungswünschen zeigen sich klare Prioritäten:

  • Angenehmes Raumklima (33 %)
  • Moderne Technik (29 %)
  • Bessere Akustik (25 %)
  • Küche und Essbereich (20 %)
  • Räume für spontanen Austausch (20 %)
  • Rückzugs- und Fokusräume (19 %)

Die Zahlen verdeutlichen: Es sind häufig grundlegende Qualitätsfaktoren – Klima, Technik, Akustik –, die über Leistungsfähigkeit entscheiden. Das Büro wird akzeptiert, aber nicht konsequent als Performance-Infrastruktur erlebt. Unternehmen, die gezielt in differenzierte Arbeitszonen investieren, können bislang ungenutzte Produktivitätsreserven heben. M.O.O.CON ist ein führendes Beratungsunternehmen für die strategische Immobilien- und Arbeitsweltenentwicklung, welches gut 100 Projekte pro Jahr begleitet.

„Wir befragen unsere Kunden wenige Jahre nach der Projektabwicklung nach der Wirksamkeit der Maßnahmen und der Großteil konnte bisher eine Produktivitätssteigerung feststellen. Rund 70 % erleben ein Aufbrechen von Silo-Denken und 56 % bemerken einen Anstieg der Anwesenheit im Büro. Es zeigt sich, dass entscheidend ist, ob die Arbeitsumgebungen den tatsächlichen Anforderungen der Tätigkeit gerecht werden.“
—Sabine Zinke

Eigener Schreibtisch oder Desksharing?

Ein gutes Beispiel ist das Thema Desksharing. 79 % der durch YouGov befragten Angestellten verfügen über einen persönlich zugewiesenen Arbeitsplatz, 21 % arbeiten im Desksharing-Modell. Acht von Zehn Befragten arbeiten somit noch in einer „klassischen Arbeitsumgebung“. In der Regel existieren hier wenig Platz und Möglichkeiten für eine projektübergreifende Zusammenarbeit. Sowohl das Fraunhofer IAO als auch die Erfahrungen von M.O.O.CON bestätigen, dass tätigkeitsorientierte Büros mit passenden Arbeitsmöglichkeiten für jede Tätigkeit einen Produktivitäts-Booster darstellen. Für Arbeitgeber bedeutet das: Arbeitsplatzstrategien sollten nicht ideologisch, sondern nutzungsbasiert entwickelt werden. Desksharing ist kein Selbstzweck, sondern Teil eines Gesamtkonzepts.

Büro-Liebe als strategischer Erfolgsfaktor

Die Liebe zum Büro entsteht nicht durch Zwang: Mehr als die Hälfte (54 %) der Befragten sehen eine verpflichtende Büroanwesenheit als Ausdruck von Misstrauen, 48 % geben an, dass sie sich dadurch eher demotiviert fühlen. Besonders junge Mitarbeitende unter 35 Jahren reagieren sensibel: 48 % würden bei fehlender Homeoffice-Flexibilität über einen Jobwechsel nachdenken oder einen entsprechenden Job gar nicht erst antreten. Wer das Büro stärken will, muss Anreize schaffen und nicht Vorgaben verschärfen. Die Umfrage zeigt: Attraktivität entsteht durch Qualität, soziale Erlebnisse und funktionale Unterstützung, nicht durch Präsenzregeln. So bleibt das Büro relevant als sozialer Anker und kultureller Knotenpunkt.

„Büro-Liebe ist kein romantisches Konzept, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor. Wer es schafft, dass Mitarbeitende freiwillig und gerne ins Büro kommen, weil sie die Begegnungen im Büro und die teamübergreifende Zusammenarbeit als Mehrwert erleben, schafft nicht nur Freude am Arbeitsplatz – sondern auch Motivation, Zusammenhalt und Identifikation und nimmt direkt Einfluss auf die produktive Zusammenarbeit im Unternehmen.“
—Sabine Zinke