Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke sind in Österreich längst keine Ausnahme mehr. Die zunehmende Hitze, verbunden mit Starkregen, Hagel und anderen Extremwetterereignissen, verändert die Anforderungen an Immobilien grundlegend. Neben Energieeffizienz und CO₂-Reduktion rückt die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels in den Fokus — und damit eine Frage, die Eigentümer, Investor:innen und Nutzer:innen gleichermaßen betrifft.
85 Prozent des Bestands mit Anpassungsbedarf
Offizielle Daten zur Klimafitness des Wiener Gebäudebestands liegen derzeit nicht vor. Der internationale Immobiliendienstleister CBRE schätzt jedoch, dass insbesondere Gebäude, die älter als 15 Jahre sind, Anpassungsbedarf aufweisen.
„Das betrifft unserer Einschätzung nach rund 85 Prozent des Gesamtbestands. Und bei etwa 20 bis 40 Prozent davon gehen wir sogar von substanziellem Investitionsbedarf aus. Die Diskussion über Nachhaltigkeit bei Immobilien konzentrierte sich lange vor allem auf Energieverbrauch und CO₂-Emissionen. Heute kommt eine zweite Dimension hinzu: Wie widerstandsfähig ist ein Gebäude gegenüber den Folgen des Klimawandels? Diese Frage wird für Eigentümer, Investoren und Nutzer zunehmend zu einem wesentlichen Qualitätskriterium.“—Elvis Penjo, Head of ESG bei CBRE Österreich
Technische Gebäudeausrüstung als zentrale Herausforderung
Die Anpassung bestehender Gebäude reicht von der Gebäudetechnik bis zur Gestaltung von Fassaden und Freiflächen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Kühlung: Kälteanlagen wurden früher typischerweise für Sommeraußentemperaturen von etwa 32 bis 35 Grad Celsius ausgelegt. Bei steigenden Temperaturen gewinnen ausreichende Leistungsreserven und eine redundante Auslegung kritischer Systeme an Bedeutung, damit die Kühlung auch beim Ausfall einer Anlage sichergestellt bleibt.
Weitere Maßnahmen umfassen außenliegenden Sonnenschutz, Dach- und Fassadenbegrünungen sowie Entsiegelungsmaßnahmen. Bei zunehmenden Hagelereignissen müssen außenliegende technische Anlagen — darunter Photovoltaikanlagen, Lüftungsanlagen und Wärmepumpen — entsprechend widerstandsfähig ausgeführt oder geschützt werden. Die größte Herausforderung sieht CBRE in der Nachrüstung der technischen Gebäudeausrüstung bei Bestands- und Gründerzeitobjekten.
Lassallestraße 5: Klimastresstest bestanden
Dass sich auch ältere Bürogebäude klimaresilient positionieren lassen, zeigt das von den ÖBB genutzte Objekt in der Lassallestraße 5 im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Das 1991 errichtete und 2022 von der LHI Gruppe im Rahmen eines institutionellen Mandats erworbene, umfassend sanierte Bürogebäude wurde von CBRE hinsichtlich seiner Konformität mit der EU-Taxonomie für die Aktivität „Erwerb und Eigentum von Gebäuden“ bewertet. Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilien (ÖGNI) verifizierte die Einschätzung positiv und bestätigte sie mit einer entsprechenden Urkunde.
Das Gebäude erfüllt die Anforderungen der Umweltziele Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel. Im Rahmen der Bewertung führte CBRE unter anderem eine detaillierte Klimarisikoanalyse durch. Zu den baulichen und technischen Maßnahmen, die die Widerstandsfähigkeit erhöhen, zählen redundant ausgeführte Kältemaschinen mit entsprechenden Kühlkapazitäten sowie begrünte Innenhofflächen, die Hitzeeffekte reduzieren. Das Technikgeschoss ist zum Schutz der technischen Anlagen vor Hagel überdacht; eine großflächige Glaspyramide wurde mit hagelbeständiger Verbundsicherheitsverglasung ausgeführt.
„Der Markt beginnt immer stärker zwischen Immobilien zu unterscheiden, die für die kommenden Jahrzehnte gerüstet sind, und solchen, bei denen erheblicher Investitionsbedarf besteht. Energieeffizienz, Klimarisiken und Anpassungsfähigkeit werden damit unmittelbar zu Fragen der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit einer Immobilie.“—Elvis Penjo
Eigentümer und Investoren, die Klimaresilienz frühzeitig in ihre Asset-Strategie integrieren, verschaffen sich damit einen messbaren Positionierungsvorteil gegenüber nicht angepasstem Bestand.