ESG

Hitzeschutz braucht mehr als Klimaanlagen

6-Punkte-Programm für klimafitte Gebäude
Dagmar Gordon
Dagmar Gordon
Außenliegender Sonnenschutz schützt Innenräume vor dem Überhitzen
Außenliegender Sonnenschutz schützt Innenräume vor dem Überhitzen
© HELLA

Österreich braucht keine isolierte Antwort auf die Hitze, sondern eine langfristige Sanierungs- und Anpassungsstrategie für den Gebäudebestand. Das fordern zahlreiche Verbände aus der Bau- und Immobilienwirtschaft, die auf Initiative der IG Lebenszyklus Bau nun ein 6-Punkte-Programm für klimafitte Gebäude vorlegen. Grundtenor: Die von der Bundesregierung angekündigten Erleichterungen für Klimaanlagen können Teil der Lösung sein, Vorrang müssen jedoch Maßnahmen haben, die Überhitzung von vornherein vermeiden, den Energiebedarf senken und Gebäude dauerhaft klimafit machen. 

„So unerträglich wie die aktuelle Hitze ist auch das bisherige Vorgehen der Politik beim Klimaschutz und bei der Klimawandelanpassung. Wir müssen den Bürokratieabbau bei Sanierungen jetzt bei Sonnenschutz-, Dämm- und Dekarbonisierungsmaßnahmen beschleunigen, die zugleich auch der Kühlung dienen. Das ist nicht nur ein Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch zur Klimawandelanpassung und zur Unterstützung der Wirtschaft“, betont e7-Gesellschafterin Margot Grim-Schlink von der IG Lebenszyklus Bau.

Das 6-Punkte-Programm im Überblick:

1. Verfahren für Sanierungen vereinfachen und beschleunigen

  • Bewilligungsverfahren für thermische Sanierungen, außenliegenden Sonnenschutz, Heizungsumstellungen mit Kühlmöglichkeit, Begrünung, Entsiegelung sowie Grau- und Regenwassernutzung vereinfachen und bündeln
  • Klimawandelanpassungsstrategien (vor allem passiver Sonnenschutz, energie- und ressourceneffiziente Kühlmethoden, Blau-Grüne-Infrastruktur) bei Sanierungen aktiv vorantreiben
  • Verbindliche Bearbeitungsfristen, abgestimmte Behördenverfahren und zentrale Anlaufstellen schaffen
  • Standardisierte Genehmigungswege für wiederkehrende und technisch bewährte Maßnahmen einführen
  • Angemessene Mitwirkungs- und Duldungspflichten bei verhältnismäßigen klimarelevanten Maßnahmen vorsehenund Härtefälle berücksichtigen 

2. Steuerliche Anreize und/oder Förderungen für klimawirksame Investitionen schaffen

  • Sanierungs-, Dekarbonisierungs-, Entsiegelungs- und Begrünungsmaßnahmen durch Abschreibungsmöglichkeiten und steuerliche Erleichterungen unterstützen
  • Investitionen in erneuerbare Energien, Kühlung, Verschattung, Gebäudehülle und Fenster, Regenwasserrückhalt und Grauwassernutzung steuerlich begünstigen
  • Langfristige und verlässliche steuerliche Rahmenbedingungen für Eigentümer und Unternehmen sicherstellen
  • Förderbudgets und Förderbedingungen als Anschubfinanzierungen prognostizierbar und planbar gestalten sowie Förderprogramme von Bund, Ländern und Gemeinden besser abstimmen

3. Gebäudequalität im Mietrecht angemessen berücksichtigen

  • Energetische, klimatische und funktionale Qualitäten stärker in die mietrechtliche Bewertung einbeziehen
  • Die Richtwertmiete stärker an der tatsächlichen Qualität der Wohnung und weniger am Alter des Gebäudes orientieren
  • Eine faire Verteilung der Kosten und des Nutzens von Sanierungsmaßnahmen zwischen Eigentümern und Mietern gewährleisten 

4. Entsiegelung als wirksame Maßnahme gegen Hitzeinseln verankern

  • Verbindliche Entsiegelungsziele für den öffentlichen und privaten Raum festlegen und Neuversiegelungen deutlich reduzieren
  • Bäume, Grünflächen, begrünte Dächer und Fassaden gezielt zur Kühlung dicht bebauter Gebiete einsetzen
  • Regenwasserrückhalt, Versickerung und Schwammstadt-Prinzipien als Standard in Planungs- und Genehmigungsverfahren integrieren
  • Regen- und Grauwasser für die Bewässerung und Verdunstungskühlung nutzbar machen 

5. Planung und Umsetzung praxistauglich organisieren

  • Zuständigkeiten zwischen Behörden, Planung und Ausführung klarer strukturieren und Schnittstellen reduzieren
  • Einheitliche Vorgaben, digitale Verfahren und nachvollziehbare technische Standards schaffen
  • Fachkräfte in Planung, Bau, Gebäudetechnik und Betrieb gezielt qualifizieren
  • Standardisierte und serielle Lösungen dort einsetzen, wo sie technisch, wirtschaftlich und gestalterisch sinnvoll sind 

6. Sanierung und Entsiegelung als Wirtschafts- und Gesundheitsprogramm nutzen

  • Investitionen in den Gebäudebestand und den öffentlichen Raum als Motor für regionale Wertschöpfung und Beschäftigung verstehen
  • Durch verlässliche Rahmenbedingungen Planungssicherheit für Bauwirtschaft, Gebäudetechnik und Immobilienwirtschaft schaffen
  • Energieimporte, Betriebskosten und Klimarisiken langfristig reduzieren
  • Kühlere Stadträume, bessereGebäudequalität und geringere Hitzebelastung als gemeinsamen Beitrag zu Wirtschaft, Gesundheit und Klimawandelanpassung positionieren